Bild von Masum Ali auf Pixabay

Egal welches Medium ich zur Zeit für Neuigkeiten heranziehe, überall das gleiche Bild. Graphen, Statistiken, Hochrechnungen, Einschätzungen und Landkarten mit tiefroten Flecken von Neuinfektionen durch das Corona-Virus. Auch im Radio das immer gleiche. Und das bereits morgens, bevor ich in den Spiegel geschaut habe. Warum berichtet die Freie Presse nicht mehrmals täglich über den Fortschritt bei der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten? Wenn ein Virus die Welt verunsichert, sollten doch genau solche Nachrichten in den Focus gerückt werden. Auf jeden Fall würde ich als Süddeutscher genau das hören wollen. Sie etwa nicht?

Neuinfektionen sind wichtig für Auswertungen, um angemessen auf Gefahren hinweisen zu können. Doch muss ich nicht stündlich über das Zahlenwerk informiert werden. Mich interessiert viel mehr, wann können wir den Virus endlich eindämmen? Gibt es einen groben Zeitplan? Wie viele Wissenschaftler arbeiten weltweit an der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten? Könnte der Impfstoff aus Russland was taugen? Gibt es Medikamente, die bereits wirken oder zumindest so verändert werden, dass sie wirken könnten? (Interview mit Virologe Streeck auf BR5; ab Minute 03:20). 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich zumindest brauche keine Experten, die mir mehrmals täglich irgendwelche Graphiken oder Statistiken von Neuinfektionen präsentieren. Schließlich möchte ich keine Aktienanteile von Corona erwerben.

Wenn ein Virus so verheerend ist, wieso höre ich nicht jeden Tag Meldungen wie: Wissenschaftler stecken alle möglichen Ressourcen in die Erforschung von Impfstoffen oder: Jeder zur Verfügung stehende Cent wird in die Entwicklung von Medikamenten gesteckt, ohne Vorurteile gegen Personen oder Länder? Meinem Verständnis nach sollte jeder medizinische Student, egal aus welchem Land, egal in welchem Semester, daran arbeiten, die Pandemie endlich in den Griff zu bekommen. Schließlich sterben an Covid-19 nicht nur Menschen, sondern auch Teile der freien Wirtschaft könnte irreparablen Schaden nehmen.

Und seit wann sind unsere Volksvertreter so sehr um das Wohl ihrer Regierten besorgt? Die letzten Jahre haben sie sich außerhalb von Wahlkämpfen nicht gerade fürsorglich um uns gekümmert. So entschlossen, strikt und geschlossen gingen unsere Politiker bisher gegen keins der anderen todbringenden Ereignisse vor (Herzerkrankungen wegen falscher Ernährung, multiresistente Krankenhauskeime*, Blutvergiftung, Alkohol, Zigaretten, Unfalltote, Luftverschmutzung oder Ausrutschen in Badewannen). Obwohl solche Maßnahmen teilweise einfacher umzusetzen wären. Nebenbei bemerkt, jeder Erkältungsvirus kann zu Herzversagen führen, aber nur bei Corona wird in den Medien wiederholt auf diese Gefahr hingewiesen. Warum nicht bei jeder anderen Grippewelle auch, ist das nur Panikmache?

Und was sollen solche Meldungen wie aus dem Tagesspiegel: „Haben deutsche Mallorca-Urlauber ein zweites Ischgl riskiert?“. Versteh ich nicht. Warum haben die Urlauber das riskiert, wenn das Reisen von den Regierungen wieder erlaubt wurde? Jeder Politiker in Deutschland und Spanien müssten sich doch darüber im Klaren gewesen sein, der Großteil deutscher Touristen verbringt seinen Urlaub nicht auf Malle, um dort Kultur zu genießen, schon gar nicht mit Mundschutz und dem nötigen Abstand.
Wenn die Ansteckungsgefahr bei Reiserückkehrer tatsächlich so besorgniserregend ist, warum wurden Corona-Tests bei den Einreisenden wieder zurückgeschraubt oder war das nur eine Maßnahme, weil die Labore überlastet sind? Nach sechs Monaten aktiver Pandemie erwarte ich von Politik und Medizin eigentlich, sich auf die Pandemie vorbereitet zu haben. Mangelnde Kapazität in Laboren sollten jetzt kein Grund mehr sein. Und warum behauptet Söder, die Labore hätten genügend Kapazitäten? Und warum gibt es so viele Pannen bei den Tests? Ich versteh das nicht. Die Pandemie ist ja nicht erst gestern ausgebrochen und Deutschland ist eines der hochentwickeltsten Länder weltweit.

Keine Partys oder Großveranstaltungen. Kann ich nachvollziehen. Sind aber diejenigen, die von Berufs wegen täglich mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt stehen müssen, ausreichend geschützt? Haben Verkäufer_Innen, Zug- und Flugbegleiter_Innen, Busfahrer, Taxifahrerinnen, Paketzusteller, Polizisten, Ärzte wegen des ständigen Kontakts zu Kunden oder Patienten ein erhöhtes Ansteckungsrisiko? Wie schaut es bei den Menschen aus, die jeden Tag mit den Öffentlichen zur Arbeit müssen? Reichen zum Schutz dieser Berufsgruppen, dieser Menschen die Maßnahmen aus, Mund-Nasen-Schutz zu tragen und vielleicht mal regelmäßiger die Hände zu waschen? Können Ansteckungsketten so wirkungsvoll unterbrochen werden? Wenn ja, warum sehe ich so viele Kassierer, Paketzusteller und Polizisten ohne Maske?

Angst wird uns nicht aus der Krise führen.

Warum dürfen in Berlin 500 Personen gemeinsam feiern, in Hamburg aber nur 25? Ist für den Corona-Virus Hamburg etwa attraktiver als Berlin? Apropos Versammlung: In einer freien Gesellschaft Demonstrationen zu verbieten, sehe ich kritisch, auch wenn ich die Anliegen so mancher Demos bescheuert finde. Die Meinung der Anderen zu tolerieren, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegen, gehört nun mal zu einer funktionierenden Demokratie. Laut Gesundheitsämtern sind nach (Massen-)Veranstaltungen im Freien die Cornoa-Fälle übrigens nie signifikant angestiegen. Wie also entscheiden: Freiheit oder Gesundheit? Ein schmaler Grat, oder doch nicht?
Das Robert Koch-Institut geht momentan sogar davon aus, dass sich die meisten daheim oder in Altenheimen anstecken. Doch wie können sich Privatpersonen im eigenen Haushalt infizieren? Hatten die etwa Fledermäuse aus China oder Urlauber aus Ischgl zu Besuch?
Und warum sind so viele alte Menschen in den Seniorenheimen an COVID-19 erkrankt? Genauso wie in die Privathaushalte muss doch irgendwer den Virus in die Altenheime eingeschleppt haben? Ich glaube, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Senioren nachts heimlich aus ihren Anstalten ausbrechen, um bei Aprés-Ski-Partys abzufeiern. Hätte man die Risikogruppe „Senioren“ nicht einfach schützen können, indem alle Besucher vor Betreten der Altenheime sich die Hände desinfiziert und einen Mund-Nase-Schutz getragen hätten? Oder wenn man alle Pfleger mit angemessener Schutzausrüstung ausgestattet hätte?

Und ganz allgemein gefragt: Wie stehen die Neuinfektionen der letzten Wochen mit den Zahlen der Test und der wirklich Kranken in Relation? Sind alle Infizierten auch krank? Und wie viele tragen den Virus schon unbemerkt in sich und zeigen nur leichte oder gar keine Symptome? Kann man heute überhaupt noch nachvollziehen, wer wen wann den Virus weitergibt?
Hinterher weiß man stets mehr, is ja logisch. Es ist menschlich, wenn Politiker und Wissenschaftler sich geirrt haben, jedoch müssen gewonnene Erkenntnisse transparent kommuniziert werden. Nicht, dass wir am Ende vor lauter Angst noch unsere Freiheit vergessen.

Werden wir in Zukunft überhaupt noch gleichzeitig gesund und frei sein können?

Unsere Regierung hat zusätzlich zu Artikel 8 (Versammlungsfreiheit) auch noch die Artikel 2, 11, 12, 13 und 14 unseres Grundgesetzes aufgeweicht. Waren diese Maßnahmen angemessen oder unverhältnismäßig? Ich weiß es nicht, aber auf keinen Fall dürfen unsere Grundrechte wegen eines Virus auf Dauer einschränkt bleiben. Ich bin der Meinung, darüber sollten die Medien jeden Tag, jede Stunde reden, denn Corona-Maßnahmen gefährden unsere Freiheit!
Gibt es dafür eigentlich Warnhinweise in den Medien oder auf Verpackungen von Zigaretten?
Ich weiß, ein heikles Thema in diesen Zeiten, doch „wehre den Anfängen“.

 

Unerwünschte Nebenwirkung der Pandemie: Ein Geschwür, das uns von innen zerfrisst. 

In letzter Zeit nehme ich vermehrt wahr, wie leicht es vielen wieder fällt, mit dem Finger auf Andersdenkende zu zeigen. Ich meine damit nicht die üblichen Verdächtigen, von denen würde ich es ja erwarten. Ich spreche von uns allen, uns als Gesellschaft, aber ganz besondern von unseren sogenannten Intellektuellen (wer immer sich da angesprochen fühlen mag?). Es scheint wieder normal zu sein, Menschen zu labeln als Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, Corona-Leugner und was weiß ich noch alles. Ja, diese Menschen gibt es, aber wir sollten nicht wieder anfangen, pauschal all jene zu ächten, deren Meinung nicht in unser perfektes Weltbild passt. Wir müssten doch wissen, wie schnell Stigmatisierung zu Diskriminierung werden kann.

Ich denke, eine aufgeklärte Gesellschaft sollte imstande sein, mit einer Handvoll Verschwörungstheoretiker fertig zu werden. Schließlich stellten die Ufo-Experten in den 1980er-Jahren auch keine Gefahr für irgendjemand dar. Außer natürlich für Area 51. 

In sozialen Medien sollen Fake News unterbunden werden. Nur was wird wann zu Fake News? Wer entscheidet das? Ich muss nicht alle Meinungen teilen, aber mir ist es wichtig, dass jeder äußern darf, was er will; natürlich ohne Gesetze zu überschreiten! So auch Wissenschaftler, die eine andere Meinung haben. Sie einfach an den Pranger zu stellen, ohne ihnen eine Chance zu geben, sich in einen der unzähligen Talkshows im Fernseher mit anderen austauschen, oder sich rechtfertigen zu dürfen, empfinde ich als die schlimmste Bedrohung für eine Gesellschaft, schlimmer noch als die Pandemie. Die Corona-Maßnahmen sind kein Dogma und nicht jeder, der sie hinterfragt, wird automatisch zum Ketzer. Fragen, neugierig bleiben und nicht vorschnell verurteilen, sollte das Motto der Stunde sein, denn die Geschichte zeigt es, anhaltende Diskriminierung kann eine Gesellschaft leicht an einen dunklen Ort führen.

Ich weiß, Inhalte sind auf Dauer zu anstrengend und Abstempeln ist um so vieles leichter und passt besser in den vorgegebenen Algorithmus. Wer dieser Meinung ist, muss auch automatisch dieser Meinung sein. Ohne Differenzierung lebt es sich leichter. Wer das geglaubt hat, hat meistens auch das geglaubt. Dieser Algorithmus funktioniert noch nicht mal bei Amazon besonders gut und in einer demokratischen Gesellschaft noch viel weniger.
Fällt die Freiheit der Meinungsäußerung, fällt die Demokratie. Aber was beschwer ich mich? Schließlich zähle ich mich nicht zu den Andersdenkenden, zu den Corona-Leugnern, zu den Impfgegnern und zu verbergen habe ich schon dreimal nichts. Ich könnte also beruhigt schweigen.

Ach ja, Bill Gates geht mir im Zusammenhang mit Viren jeglicher Art völlig am Arsch vorbei.

Einen hab ich noch (für alle Besserwisser, vorverurteilenden Wichtigtuer und Klugscheißer):
Ich halte die Handhabe, bei Kontakt mit Fremden eine Maske zu tragen, für sinnvoll. Es mag ja sein, dass andere beschlossene Maßnahmen übertrieben waren, aber wer wusste das im Vorfeld schon? Nicht mal Wissenschaftler können mit Gewissheit sagen, welcher der einzig wahre Weg gewesen wäre oder gerade ist. Ich will mit meinem Text in keiner Weise den Eindruck vermitteln, Corona sei eine riesige, von wem auch immer angelegte Verschwörung. Wir als Gesellschaft haben wichtigere Probleme und die sollten nicht im Wulst von Verschwörungstheorien untergehen.
So lange Wissenschaftler und Politiker nix genaues wissen, ist das Mindeste, was wir alle tun können, eine Maske tragen. Vielleicht ließe sich das sogar auf normale Grippewellen ausweiten oder auf Besuche im Krankenhaus, im Altersheim? Sie erinnern sich? Multiresistente Keime* usw. …

Manche mögen es vergessen haben, aber Rücksicht nehmen ist nicht schwer. Nur mal kurz, nicht an sich denken.

Glauben Sie mir, ich finde die Corona-Regeln fantastisch. So hindert die Abstandsregel - zumindest in den meisten Fällen - Kunden in Supermärkten daran, sich beim Warten in der Schlange an meinem Rücken zu reiben. Und nicht nur zu Corona-Zeiten bevorzuge ich es, zu unbekannten (manchmal sogar auch mir bekannten) Menschen einen Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Jederzeit und überall! Darüber hinaus bin ich äußerst dankbar, Fremden momentan nicht die Hand schütteln zu müssen, schließlich weiß ich nicht, wo mein Gegenüber die vorher überall hatte. Ein falsches Lächeln meines Bänkers unter seiner Maske reicht mir völlig aus.

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Nachtrag zu „Wehre den Anfängen“ weiter oben im Text:
Lauterbach fordert Kontrolle in Privatwohnungen.
Da fällt mir der Satz von DDR Staats- und Parteichef Walter Ulbricht von 1961 wieder ein:
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!

 

*Nachtrag (Nachfrage) zu multiresistenten Keimen (20.11.2020):

Ist irgendein Wissenschaftler eigentlich der Frage nachgegangen, ob Menschen mit COVID-19 in Krankenhäuser vielleicht auch deswegen sterben, weil sie beatmet werden? Mich interessiert dabei nicht so sehr, ob das Beatmen an sich falsch oder richtig ist (ARD Monitor), sondern eher, ob die Beatmungsgeräte mit multiresistenten Keimen (HA-MRSA) verunreinigt sind? Also sterben die Menschen mit COVID-19 auch tatsächlich an dieser Krankheit, oder weil sie in den Hospitälern zusätzlich mit multiresistenten Keimen belastet werden? Denn nicht nur an den Schläuchen von den Beatmungsgeräten haften die Keime, sondern auch an Kathetern, Spritzen und anderen Dingen und Orten. Krankenhäuser sind nicht so sauber, wie man sich das als Patient erhofft, vor allem, weil es an Personal fehlt. Ich weiß, die Symptome von multiresistenten Keimen (HA-MRSA) und COVID-19 sind unterschiedliche, doch wird das bei einer eventuellen Obduktion von Corona-Toten unterschieden?