Es ist gut, dass es Menschen wie Andreas Scheuer gibt. Menschen, die sich für das Gemeinwohl aufopfern und den schweren Job des Fakten-Schaffens übernehmen - mal abgesehen vom Focus.

Für die Debatte um die Erhöhung der Grenzwerte für Stickoxide hat der Bundesverkehrsminister selbstverständlich nicht ganz allein die Fakten geschaffen, - welcher Politiker tut das schon? - er hatte Hilfe von den vor kurzem auf den Plan getretenen 107 Lungenärzten. Der Minister fand die Herleitung der Ärzte zur Erhöhung der Grenzwerte so überzeugend, dass er sich sogleich für die Überwindung der Dieselfahrverbotsdebatte einsetzte. Somit kämen nämlich "[...] Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte [...]".

Wenn erst jetzt die Sachlichkeit und die Fakten kommen, wer hat dann die heute noch geltenden Grenzwerte festgelegt und auf welcher Grundlage? Und wo kommen überhaupt auf einmal diese 107 Ärzte her? Sind das vielleicht dieselben Sachverständigen, die in den Jahren bis 2006 versucht haben, das Rauchen als völlig harmlos darzustellen?

Vielleicht waren das gar keine Lungenspezialisten, sondern 107 Donaudamfpschiffahrtskapitäne? Die tragen meist auch weiß und sind ohne Donaudamfpschiffahrtskapitänsmütze leicht mit Ärzten zu verwechseln. Zumindest müssen die sich keine Sorgen um Grenzwerte für Dieselfahrzeuge machen, denn ein Kreuzfahrtschiff ist gar kein Dieselfahrzeug, es verheizt lediglich umweltschädliches Schweröl und aus den Schornsteinen kommen kaum messbare 450 kg Feinstaub pro Tag raus.
Bewohner in Hafenstädte können aber bedenkenlos aufatmen: Politiker haben von einer externen Beratergruppe feststellen lassen, dass es nicht so viele Vergnügungsdampfer wie LKWs gibt und wegen der geringen Anzahl braucht es folglich keine CO2-Obergrenzen.

Übrigens: Menschen, die ein Elektroauto fahren, können sich der Diesel-Debatte gänzlich entziehen. Wer es sich leisten kann, sein Gewissen mit hohem finanziellen Einsatz reinzuwachsen, braucht auch keine Grenzwerte für Stickoxide zu fürchten. So ein E-Auto produziert nämlich gar kein CO2, zumindest nicht direkt da, wo es gerade unterwegs ist. Das bisschen Reifenabrieb kann man getrost unter den Tisch fahlen lassen.
Hätten nur alle deutschen Bundesbürger einen Funken Vernunft in sich und würden auf ein über zwei Tonnen schweres E-Auto umsteigen, um damit alleine in die Arbeit zu kommen, dann blieben die Großstädte endlich sauber und wir bräuchten keine zähen Faktendebatten mehr. Wo der Strom für die E-Autos herkommt, wäre für den Grenzwertstreit eh unbedeutend, denn die Kohlekraft- und Atomkraftwerke liegen meist weit ausserhalb der feinstaubbelasteten Großstädte und die Mienen, in denen arme schwarze Kinder das für Batterien wichtige Kobalt abbauen, sind sogar noch weiter weg. Aus den Augen, aus dem Sinn, aus der Umweltverschmutzung.

Die voll krassen Ökos schließen, gewieft wie sie sind, mit ihrem Energieversorger einen Vertrag über Ökostrom ab. Gegen so ein fortschrittliches und umweltfreundliches Denken kann auch ein Fahrrad nicht anstinken.

Am Ende des Tages ist es völlig egal, wer, wo, was, wann gesagt hat. Hauptsache die neu geschaffenen Fakten sind kein Fake! Und was interessiert uns der Fake, Verzeihung, die Fakten von gestern?