Bild: freyer von Pixabay (abgeändert von mir)

Ja, inzwischen seh ich das so. Und nicht nur, weil ich in einem Alter bin, in dem mit jedem fortschreitenden Jahr meine Haare grauer werden, sondern vor allem, weil früher vieles schlichtweg unkomplizierter war. Noch mal ein Junge sein, die Welt so zwanglos erleben wie damals. Meine Gedanken nicht belasten durch Arbeiten gehen, Geld vermehren, Miete zahlen, Versicherungen abschließen. Meine Eltern kümmerten sich für mich darum. Und das machten sie auch wirklich gut. Bis in meinen späten Jugendjahren..
Noch mal Kind sein, doch diese Zeiten sind vorüber … und ja, früher war alles besser. Und obwohl mich der Gedanke im ersten Moment jedes Mal aufs Neue schreckt, kann ich mir, nachdem ich mich besonnen habe, guten Gewissens eingestehen, früher war alles besser. Vielleicht nicht alles, aber vieles.
An dieser Auffassung finde ich nichts Spießiges, es ist lediglich eine altersbedingte Wahrnehmungsverschiebung! Jedoch gibt es jenseits meiner subjektiven Betrachtung auch objektive und messbare Verschlechterungen, wie ich finde.

Vor Erfindung der Smartphones gab es lediglich gutes Wetter, wenn wir artig den Teller leer gegessen hatten. Für uns Kinder der Prä-Smartphone-Generation war das wohl eine der wirkungsvollsten Drohungen der Eltern. Waren wir doch auf gutes Wetter angewiesen, weil wir zum Spielen raus wollten. Raus in die Freiheit. Doch diese Warnung ist nun obsolet. Eine günstige Witterungslage interessiert die meisten Kinder längst nicht mehr, ebenso wenig wie der leer gegessenen Teller.
Alles, was Kinder gegenwärtig zum Spielen benötigen, ist eine App! Diese nicht zu bekommen oder der Entzug von WLAN sind die modernen Drohszenarien vieler Eltern im Kampf um eine gute Erziehung.

Apropos WLAN. Von den unausgereiften technischen Geräten beziehungsweise deren Software, die erst beim Kunden mit dessen unbezahlter Hilfe fertig entwickelt werden, will ich gar nicht erst anfangen. Spielt für die meisten eh keine Rolle, denn Probleme gibt es heutzutage nicht mehr, nur Herausforderungen.
Man, man, man … vielleicht will ich aber gar nicht von meiner Mikrowelle, meinem Backofen, meiner Waschmaschine oder meinem Computer herausgefordert werden. Meine Geräte sollen einfach ohne Probleme funktionieren.

Ach ja, mein Vater brachte mir bei, es ist völlig egal, wie Menschen aussehen, wie sie sprechen, was sie sind. Er wusste ebenso, in jeder gesellschaftlichen Gruppe finden sich etwa die gleiche Menge Arschlöcher, Idioten oder schlimmstenfalls sogar beides. Doch heute gibt es keine Arschlöcher oder Idioten mehr, sie wurden mithilfe von „Political Correctness“, „Gendern“, „Cancel Culture“ kurzerhand positiv weggedacht. Ohhhh … das wäre ja eine Verbesserung und „alles wäre gut“, gäbe es nicht noch die Arschlöcher am linken oder rechten Rand. Aber die sind nicht schlimm, die wollen nur hassen.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, jedoch würde ich gern selbst für mich entscheiden dürfen, wen ich für ein Arschloch oder einen Idioten halte. Das würde ich gewiss nie plump an kulturellen Hintergründen, Geschlechtern, religiösen Ausrichtungen oder gar akademischen Titel festmachen. Im Gegenteil, diese Erkenntnis kostet mich viel Zeit und Mühe, denn bevor ich jemanden als Arschloch oder Idioten eingruppiere, habe ich mich mit diesem Jemand bereits auseinandergesetzt. Natürlich erlange ich aufgrund jahrelanger Erfahrung auf dem Gebiet die Einschätzung heute meist zügiger als noch vor einigen Jahren, und das erstaunlicherweise ohne nennenswerten Anstieg unvermeidbarer Fehlinterpretationen. Vielleicht werde ich mit zunehmendem Alter einfach weiser … oder gelassener … oder gleichgültiger? Egal, jedenfalls würde ich auch in Zukunft solche privaten und - jawohl - subjektiven Entscheidungen selbst fällen wollen. Frei von Hasstiraden irgendeines pseudo-weltverbessernden Mobs, der mir vorgibt, wen (oder was) ich zu mögen habe. Schließlich hasse ich Arschlöcher und Idioten nicht, ich würde sie nur gerne meiden, wann immer es sich einrichten lässt. Nicht mehr, nicht weniger.
Ich scheiß auf den woken Algorithmus, wenn Sie DEN nicht mögen, hassen Sie DAS, … wenn Sie DAS denken, denken Sie auch SO! Diese Meinungs-Gleichschaltung heutzutage versteh ich nicht.

Vor ein paar Jahrzehnten ging das Mobilfunknetz mit 1G an den Start. Mittlerweile können unsere mobilen Geräte im 5-G-Netz superschnell kommunizieren. Unsere Regierung - fernab jedweden Fortschritts - gestattet jedoch bloß mehr 2G. Wenn das kein Rückschritt ist? Okay, immerhin 2G PLUS! … 2G PUR wäre wohl zu ausgrenzend gewesen.
Einst durfte ich jeden Tag raus, spazieren gehen wann und wo ich wollte. Jetzt ist das unter Auflagen. Je nach Bundesland könnte ich montags oder mittwochs dafür sogar mit der Polizei Probleme bekommen.

Zu der Zeit, als das Gesundheitssystem noch funktionierte, wurden Patienten nach einem umfangreichen Informationsgespräch in einer Arzt-Praxis ihrer Wahl geimpft. Heute reicht es aus, in irgendwelchen Zelten fix irgendeine Einwilligung zu unterschreiben. Das neue Konzept passt jedenfalls perfekt in unsere schnelllebige Epoche. Aufklärung dauert irgendwie zu lang und wer bremst, verliert!
Und können Sie sich noch erinnern? Früher gab es für medizinische Studien im Durchschnitt 1.200 Euro. Heute gibt es fürs Impfen mit einem in kürzester Zeit entwickelten Impfstoff gegen das Coronavirus, abhängig vom Bundesland, lediglich eine Tafel Schokolade oder eine Bratwurst - mit etwas Glück sogar mit einem Klacks Senf.

„Alles ist gut!“

Früher hatten Menschen Zeit, heute sind sie gestresst. Sie trinken ihren morgendlichen Kaffee auf dem Weg zur Arbeit, während sie nebenbei pflichtbewusst die ersten Geschäftsemails abarbeiten. Auf dem Heimweg telefonieren sie mit Kollegen, um schnell zu besprechen, wie sie den morgigen Tag noch effizienter gestalten können, während sie gleichzeitig am Smartphone in der Kalender-App ihre Termine verifizieren. Es scheint, je sinnbefreiter der Job, desto mehr Überstunden wollen sie in selbigen freiwillig investieren.
Früher gab es Work-Life Balance, heute bedeutet für viele Angestellte Work is Life. Vielleicht, weil ihr Glaube an Erfolg in der neoliberalen Religion zu ihrem Opium geworden ist?
Mein Bürojob hat weder soziale, handwerkliche noch künstlerische Komponenten und so sehe ich den Zustand weniger arbeiten zu müssen wie vor 150 Jahren als einen der größten Erfolge dieses Jahrhunderts und würde begrüßen, wenn wir diese Errungenschaft nicht leichtsinnig aus dem Fenster würfen.

„Alles ist gut!“
Das Mantra des modernen Menschen.

Und dann ist da noch die Umwelt - entschuldigen Sie bitte, aber ich muss davon einfach wieder anfangen. In meinen Jugendtagen wurde die Umwelt verschmutzt und wir nannten das Umweltverschmutzung. Heute heißt es Klimawandel. Dieser Euphemismus ist unabdingbar für all die grüne Heuchelei. Aber genug von der Schönfärberei, denn darüber habe ich mich hier zu Genüge ausgelassen.
Wo war ich … ach ja …
Vor vielen Jahren, als die Jutetasche Mode war, trugen Umweltschützer Birkenstock-Sandalen. Sie versuchten mit Blumen und Liebe zu überzeugen. Heute sind es pseudo-intellektuelle Umweltheilige, die mit überheblicher Genugtuung vermeintliche Umweltsünder mit spanischen Bio-Tomaten aus ihren zwei Tonnen schweren Elektroautos bewerfen. Und mit jedem (Vor-)Wurf bestärken sich die selbst ernannten Hohen-Priester der Klimarettung in ihren Glauben, ausschließlich sie seien auf dem rechten Weg. Die Erkenntnis, lediglich die anderen zerstören die Umwelt, ist veganer Balsam für ihre Seele. Positives Heucheln funktioniert mit vollem Geldbeutel halt viel einfacher.
Ich denke, allen ist klar, wir müssen unseren Planeten schützen. Diese Erkenntnis ist nicht den pseudo-intellektuellen Umweltheiligen vorbehalten. Umweltschutz und Moral kosten nun mal Geld. Für alle, die sich das leisten können, eine gute Gelegenheit, sich zum Helden aufzuspielen. Was sie anscheinend nicht verstehen, nur gemeinsam können wir das Klima retten, nicht mit Vorhaltungen gegenüber Menschen, die sich den falschen Glauben an den neuen Klimagott nicht leisten können.
Meiner bescheidenen Meinung nach hat unsere Politik genau das in den letzten Jahrzehnten dermaßen verkackt. Deswegen sollten Umweltheilige ihre verbalen Bio-Tomaten lieber auf Politiker werfen, … aber das soll Stoff für einen anderen Beitrag werden.

„Alles ist gut!“
Je häufiger die Wiederholung, desto leichter fällt der Glaube daran.

Es gab mal eine Zeit, in der Privatsphäre und Meinungsfreiheit noch Güter waren, um die es sich zu kämpfen lohnte. Doch hat heute anscheinend keiner mehr was zu verbergen. „DIE wissen eh schon alles über uns.“ „Kann da eh nix dran ändern!“ Woher kommen diese Überzeugungen? Vielleicht weil viele ihr Privatleben bereits in den öffentlichen Bereich ausgelagert haben? Ich meine damit nicht ausschließlich die digitale Welt (soziale Medien), nein, sondern auch die reale. Nahrungsaufnahme, delikate Anrufe beim Arzt bis hin zur Körperhygiene werden wie selbstverständlich im öffentlichen Raum (meist in öffentlichen Verkehrsmitteln) erledigt. So wie das Posten jeden Scheißdrecks in den sozialen Medien. Hauptsache ich und da darf die Privatsphäre auf keinen Fall in die Quere kommen.

Seit Jahrtausenden kämpfen wir für Freiheit, doch heute, da wir sie haben, ist sie uns lästig geworden, erfordert sie zu viel Zeit, lenkt uns vom nächsten Tweet ab. Bevor wir die Freiheit mit unseren Füßen zertrampeln, geben wir (das Volk) sie lieber schnell wieder zurück, vielleicht bleibt sie so unversehrt. Die Frage ist nur, an wen? Vielleicht könnten wir das mit unserem letzten Rest Freiheit demokratisch entscheiden? Ich hoffe, keiner nutzt in Zukunft unseren Leichtsinn schamlos aus.

Einst gab es rege Diskussionen im Rundfunk. Verschiedene Wahrheiten, verschiedene Meinungen waren Grundlage heterogener Gesprächsrunden. Heute finden diese Unterhaltungen in festgelegten Rahmen statt und Neuheilige verurteilen all jene, die es wagen, den Rahmen zu verlassen und nicht blind ihren Glaubensbekenntnissen nachzubeten. Diskussionsrunden mit wirklich verschiedenen Ansichten gibt es kaum mehr. Mangelnde Vielfalt sowie schnelles Verurteilen liegen voll im Trend.
Lass uns drüber reden. Seinerzeit belächelt, heute vergessen.
Vor 20 oder 30 Jahren galten kritische Fragen als Aufklärung und unabdingbar für eine demokratische Ordnung. Nun gilt Kritik entweder als Verschwörungstheorie, als rechts oder gar beides. Obwohl Theorien erst mal nur Theorien sind, egal wie verschworen. So neu ist das allerdings nicht. Die Kirche hatte Galileo di Vincenzo Bonaiuti de‘ Galilei doch ebenfalls zu ihrer Zeit als Verschwörungstheoretiker deklariert, kannte sie doch die einzig wahre Wahrheit.

Es ist nicht allzu lange her, da galt Respekt als höfliche Umgangsform. In der Regel wurde er dem Gegenüber - unabhängig seiner Meinung - gezollt. Heute muss der Andersdenkende vernichtete werden. Auf dem Schlachtfeld der alternativlosen Meinungen gibt es keinen Respekt, aber vor allem keine Gnade mehr.

Damals, also mein „Damals“, nicht das geschichtliche, gab es uneingeschränkte Meinungsfreiheit, die für jeden galt. Steht sogar im Grundgesetz. Es scheint, Papier wurde in den letzten Jahren ungleich geduldiger und Meinungsfreiheit gibts lediglich wenn‘s passt. So werden Andersdenkende kurzerhand zu Verschwörungserzählern. Diese Faktenlage wird im Einzelkämpfer-Style über Blogs, soziale Medien, Kommentaren in Zeitungen oder selbst in „objektiven“ Zeitungsartikel von den Wahrheitshütern bei jeder erdenklichen Gelegenheit kundgetan. Dialog mit den Meinungs-Abweichlern? Braucht es nicht, die liegen sowieso falsch! „Ja, so sei es!“ Oder wie es im neuen Glaubensbekenntnis heißt: „Das ist alternativlos!“
Fürchte nur ich eine Rückkehr zu damaligen Verhältnissen - das geschichtliche, nicht mein „Damals“ - als die Kirche denselben Anspruch erhob und alles fernab ihrer Wahrheit als ketzerisches Teufelszeug bezeichnete und Wissenschaftler als Hexen (altmodisch für Verschwörungstheoretiker oder Andersdenkende) verb(r)annte? Dennoch bin ich glücklich um des Fortschritts in unserer aufgeklärten Gesellschaft. Öffentliche Kritik übt sich schließlich in Demokratien viel unbeschwerter als in Diktaturen - zumindest was das körperliche Wohl betrifft.
Und überhaupt: Wer sind eigentlich diese Wahrheitshüter?

Vielleicht erinnert sich der gebildete Leser noch entfernt an Ironie, Sarkasmus oder Zynismus. Sie gehörten zum guten Ton. Heute wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und führt bei Nichtgefallen zu Hasswellen von empörten, humorbefreiten Weltverbesserern. Doch haben sie erst mal den letzten Witz ausgerottet, den letzten Humor abgewürgt, der Sprache die feinen Nuancen endgültig ausgetrieben, ja dann haben sie ihr Ziel erreicht, und sie leben endlich in einer klar definierten, spaßbefreiten Gesellschaft.
Ein Gutes hätte das zumindest, wir bräuchten in so einer Zukunft keine Angst mehr vor gleichgeschalteten Robotern haben, die die Weltherrschaft übernehmen könnten, denn wir selbst werden zu diesen Robotern geworden sein.

Und zu guter Letzt ist da noch die Moral. Ein Begriff, den ich schwer fassen kann. Nichtsdestotrotz finde ich, haben wir das mit der Moral in den letzten Jahrzehnten ganz gut hinbekommen - bis letzthin, es muss ein Mittwoch gewesen sein. An eine genaue Uhrzeit kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an jenem Mittwoch wurde die Moral von den Heuchlern entdeckt und diese kleine intolerante Gruppe gibt nun vor, wie sittliches Handeln genau zu funktionieren hat. Sie haben Moral zur Waffe umgeformt und im blinden Gehorsam schießen widerstandslose Gutmenschen all jene mit eben dieser Waffe nieder, die den Pfad ihrer Wertvorstellungen verlassen haben.
Denken, zweifeln, kritisieren, sind elementarere Grundpfeiler der Moral - und falls es der eine oder andere es schon vergessen haben sollte, ebenso der Demokratie(!). Selbstständiges Denken war wohl in keiner Epoche in diesem Ausmaß möglich. Und in keiner Epoche wurde es in demselben Ausmaß ignoriert. Wir sollten uns hüten, diese Errungenschaft unterm Deckmantel der Gutmenschlichkeit leichtsinnig zu ersticken. Moral ist kein starres System, dem sich Menschen aus Furcht anzuecken, unterwerfen sollten. Moral sollte Berater, keinesfalls aber Oberlehrer sein, sonst droht Entfremdung und wir entwickeln uns zurück ins Mittelalter.

Es war mir stets egal, was andere Leute dachten. Ich gebe zu, das war leichtsinnig von mir, nun muss ich mit den Konsequenzen leben. Denn die Zeiten sind vorüber, in denen Freiheit Aufgabe von Demokratie und Marlboro waren. Aber egal wie Sie es sehen, lassen Sie sich nicht stressen, denn das macht nur Umstand und der ist unsere Freiheit ja wirklich nicht wert.

Früher war alles besser, heute ist (nur noch) alles gut. Und morgen?

Eins noch! Wo kommt eigentlich der ganze Hass neuerdings her? Also nicht nur der aus den gewohnten Lagern, nein, der von allen Seiten?