„Frieren für den Frieden“ forderte der Bundespräsident von seinen Bürgern, um Solidarität mit den Ukrainern zu zeigen. Weniger Heizen, weniger Gasverbrauch, weniger Geld für Putin, ergo weniger Krieg. Hab ich verstanden. 

Jetzt weiß ich nur nicht, sollten wir gleich schon für den Frieden frieren oder erst im kommenden Winter? So wie ich das verstanden habe, Solidarität bekunden, umgehend, sie umsetzen jedoch erst später, oder? Schließlich hat der Russe letzten Monat so viel Gas nach Deutschland geliefert wie noch nie zuvor. „FFF“ wird also erst mal verschoben. Ich meine „Frieren für den Frieden“ und nicht „Fridays for Future“. Abgesehen davon wird es jetzt eh wärmer und da wäre es arg geheuchelt, aus Solidarität mit den Ukrainern die Gasheizung runter zu drehen.

Ich weiß auch nicht so genau, bei welcher Raumtemperatur in einem Mehrpersonen-Haushalt das Frieren als solidarischer Akt gewertet werden darf? Meine mir Angetraute z. B. friert in der Regel eher als ich. Unter 21 Grad wird es ihr langsam kalt. Ich fühl mich hingegen noch bei knapp 20 Grad wohl. Reicht es, wenn lediglich meine Frau friert, oder muss sie ein bisschen mehr frieren, damit ich ebenfalls frieren kann? Gibt es einen allgemein-gültigen Richtwert, ab dem wahre Solidarität anfängt, oder reicht der Mittelwert zwischen ihrem und meinem Frieren aus? Was ist mit unserem Schlafzimmer, da heizen wir kaum. Das ist wahrscheinlich zu vernachlässigen, denn während der Schlafenszeit herrscht Waffenruhe, wenigstens zwischen der Frau und mir.
Und wie sollen ärmere Mitbürger, die sich die Heizkosten sowieso schon nicht leisten können, ihrer Solidarität beweisen? Frieren sie doch bereits für immer teurere Lebensmittel. Vielleicht könnten sie im Winter zusätzlich zum kalten Heizkörper noch ab und an das Fenster aufmachen? Oder wird es einen Rabatt auf Solidarität für Familien mit geringerem Einkommen geben? Wäre zumindest solidarisch.

Seit Längerem und in den letzten Tag wieder vermehrt beschäftigt mich die Frage: Warum tritt unsere Solidarität bloß in Wellen auf? Warum halten wir die Empörung über Unrecht nicht auf gleich hohen Level und fordern genauso lautstark: „Jackenlos für Jemen“, „Barfuß für Bangladesch“ oder „Hemdlos für Hungernde Kinder in Afrika“?
Verdammt! Ich sollte lernen, nicht jeden Gedanken niederzuschreiben. Sonst kommt der ein oder andere Politiker vielleicht auf noch irrwitzigere Ideen und wir müssen im nächsten Winter nicht mehr nur in der Wohnung, sondern auch draußen frieren, ganz ohne Bekleidung aus Bangladesch. Aber Gott sei Dank steht das nicht zu Debatte, denn für menschenverachtende Kinderarbeit, verhungernde Menschen auf anderen Kontinenten oder Kriegsopfer im Jemen hatten wir uns noch nie so wirklich interessiert. Diese Tragödien sind einfach zu weit weg.

Wer entscheidet eigentlich, wann wir uns für wen aufopfern sollen? Dieser Frage hier und jetzt auf den Grund zu gehen, ist mir ehrlich gesagt zu anstrengend. Die ganze geheuchelte Solidarität tangiert mich eh nicht, Hauptsache der Bundespräsident lässt uns Bürgern am Ende den Kuchen.

Entschuldigung … eins noch:
Wenn Gaslieferungen aus Russland wie eh und je fließen, warum wird das Gas so teuer? Vielleicht, weil wir das Gas zukünftig von den Amerikanern bekommen sollen und schon mal für die vielen großen Tankschiffe zum Transportieren von gefracktem Gas sparen müssen? Oder vielleicht, weil unsere Regierung das Gas aus Russland zu Marktpreisen an andere Länder gewinnbringend weiterverkauft und nicht für später speichert?

Wie auch immer es kommen mag, wir im reichen Deutschland brauchen uns für den nächsten Winter wegen der Heizung nun wirklich keine Sorgen machen. Wenn es mit Inflation so weiter geht, können wir unsere Wohnungen mit den wertlos gewordenen Geldscheinen heizen.

Warum scheißen wir nicht auf alle Kriege und lassen sie einfach weg? Wieso zeigen wir da keine Solidarität?

Moral von der Geschicht:
Menschenunwürdiges Verhalten ist nicht nur in Europa zu ächten, sondern überall. Doch sollten wir stets bedenken, Moral könnte unseren Luxus gefährden!

 

11.04.2022, 20:55 h:
Eben ist mir noch was eingefallen: Wieso wurde in den letzten paar Wochen gerade Benzin so sauteuer. Verstehe ich nicht, haben doch seit Kriegsbeginn die Ölkonzerne 3.000.000.000 (in Worten: 3 Milliarden) Euro mehr Gewinn gemacht?
Solidarität ist schon eine feine Sache. Vor allem, wenn sie für alle gleich gilt!