Notizen von Jochens Block

Bild: johnhain von Pixabay - in Zeiten von Corona sollte Händeschütteln natürlich nur symbolisch sein

Ein polemisches Pamphlet

Komm, geh doch in ein Krankenhaus, in dem Menschen an Malaria sterben

Komm, geh doch in ein Land, in dem alle 5 Sekunden an Armut sterben

Komm, geh doch in eine Fabrik, wo Menschen für ihre Arbeit keinen gerechten Lohn erhalten

Komm, geh doch auf eine Plantage, auf der Sklaven unser Obst pflücken

Komm, geh doch in ein Land, wo Menschen wegen unserer Ressourcen-Gier sterben

Komm, geh doch in ein Land, wo das jemanden interessiert

 

Komm, wir fahren in ein Land, wo Rechte aus Verachtung des Lebens Andersgesinnte töten

Komm, wir fahren in ein Land, wo Kritik an einem bestehenden System zum Tode führt

Komm, wir schauen zurück in die Geschichte, wo wütende Lynchmobs Andersdenkende getötet haben

Komm, sorgen wir dafür, dass hier so etwas in weiter Ferne bleibt

 

Komm, gehen wir in ein Land, in denen sich Bürger gegenseitig bei der Staatsführung anschwärzen

Komm, gehen wir in ein Land, in dem Neusprech Landessprache ist, wo Freiheit nur möglich ist, wenn man keine andere Meinung als der große Bruder hat

Komm, gehen wir in ein Land, wo Obrigkeitshörigkeit wichtiger als Solidarität ist, in ein Land, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung schwindet und Kritik an der Regierung rechts ist

Oh man, ich befürchte, wir sind ja schon da

 

Komm, sag mir! Wo ist das Land geblieben, in dem respektvoller Umgang miteinander möglich war, wo Solidarität wichtiger war als Obrigkeitshörigkeit, wo ziviler Zweifel an der Regierung wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft war, das Land, in dem Menschen die Meinungen der Anderen tolerierten und sich nicht gegenseitig in eine Ecke trieben in dem sich Meinungsverschiedenheiten durch Diskurs lösen ließen und nicht durch Diskreditierung?

Komm, lass uns da wieder hin!

 

Die 80er waren schräge Zeiten: Elektro-Musik, Neon-Mode und Schulterpolster. Viel Seltsames brachte diese Ära hervor. Ein hässlicher Einkaufsbeutel wurde sogar zum Statement für Umweltschutz. „Jute statt Plastik!“ war das Motto der Stunde, nur hatte das Anfang der 1980er-Jahre keinen interessiert, nicht mal jene, die heute mit ihrem Elektro-Geländewagen zum Bio-Markt fahren. 

Heute, nach knapp 40 Jahren ist Klimaschutz zur Mode geworden. Umweltschutz ist in aller Munde und Fridays for Future hat den Jutebeutel erfolgreich abgelöst. Symbolkraft hatte der hässliche Beutel ohnehin fast keine, doch wenn Jugendliche für eine saubere Zukunft auf die Straße gehen, lässt das selbst hart gesottene Konzerne nicht mehr kalt. Dem Zeitgeist geschuldet, verkünden Firmen deswegen werbewirksam, ihre Produkte zukünftig umweltfreundlicher herstellen zu wollen. Zumindest ressourcenschonender als noch zu Zeiten des Jutebeutels!
Hierbei handelt es sich in keiner Weise um hohles Gewäsch oder gar leere Versprechungen der PR-Abteilungen, denn Klimaschutz geht im 21. Jahrhundert so viel einfacher als noch vor 40 Jahren. Durch den Erwerb von Umwelt-Zertifikaten können sich Firmen die saubere Luft einfach dazu buchen, ohne wirklich ihren CO2-Ausstoß zu verringern. Dank Zertifikate glänzt die Ökobilanz mancher Konzerne dadurch sauberer als Meister Propers Glatze.
Blöd nur, dass unser Blauer Planet in paar Jahren im Arsch ist, weil das Klima nicht so recht wusste, was es mit den ganzen „grünen“ Zertifikaten anfangen sollte.

Gestern Abend beschloss ich, nicht in die Tram zu steigen und den Rest meines Heimweges zu gehen. Gestern? War das gestern? Nein, es muss vorgestern gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls ging ich, in Gedanken vertieft, meines Weges, als der Mann vor mir sich plötzlich bückte. Beinahe wäre ich in ihn rein gelaufen. Bin ich in Gedanken versunken, kann es zuweilen ein bisschen dauern, bis mein Hirn wieder in Interaktion mit meinen Sinnen tritt und ich angemessen auf die Außenwelt reagieren kann. Gestern, es war gestern, ganz sicher.

Warum bückte sich der Mann? Ich schaute genauer hin. Verloren hatte er nichts, im Gegenteil. Er hob ein 1 Cent-Stück vom Boden auf, steckte es in seine Tasche und ging weiter. Wenn ich seinen Gesichtsausdruck richtig interpretiert habe, freute er sich sogar. Mir fiel der Spruch meiner Oma ein: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“ Damals habe ich den Spruch nicht verstanden. Heute erschließt er sich mir immer noch nicht, obwohl ich inzwischen weiß, was ein Taler ist. Ich finde den Ausspruch ähnlich stumpfsinnig wie so viele Sprüche, die lediglich aus holen Worten ohne Inhalt bestehen. „Bete und arbeite“ oder „ohne Fleiß kein Preis“. Solche Second-Hand-Weisheiten haben eins gemeinsam, sie sind kurz und prägen sich leicht ein. Ein paarmal gehört und gehorsam hoch- und runtergebetet, gelten sie als unumstößliche Wahrheit.
Lebe sparsam, sei gehorsam und letztendlich wird irgendeine göttliche Kraft für Gerechtigkeit sorgen, aber auch nur dann, wenn der Gutgläubige sich wirklich daran hält. Wer das Kleingedruckte gelesen hat, wird feststellen, dass das selbstverständlich erst nach dem Tod gilt. Vorher müssen wir mit uns selber klar kommen, denn kein Gott bietet den Lebenden bei Ungerechtigkeit Soforthilfe an.

Letzte Woche war ich im Kino. Es war eines dieser alten Lichtspielhäuser, in dem die Zeit irgendwo in den frühen 1980ern stehen geblieben war. Was ich von der Dame hinter der Kasse nicht behaupten konnte. Ich fragte nach einer Karte. „Sie sind allein?“. Ich nickte. Die Kassiererin klickte auf ihrer Tastatur herum, schaute auf den Bildschirm, tippte wieder auf die Tastatur. Nach zwei oder drei Minuten legte sie ein Ticket auf den Tresen und sagte: „Acht fünfzig. Freie Platzwahl.“ Ich zahlte und ging ohne weiter über ihre Worte nachzudenken in den Saal.

Da stand ich nun und konnte mich nicht entscheiden, wo ich sitzen wollte. Freie Platzwahl, murmelte ich vor mich hin, freie Platzwahl. Ich war etwas spät dran und viele Gäste hatten bereits ihre Sitze eingenommen. Die Aussage der Kassiererin stand im krassen Widerspruch mit der Situation hier vor Ort. Wie frei konnte meine Wahl unter diesen Umständen noch sein? Am Rand waren zwar noch reichlich Plätze frei, aber die mir versicherte freie Platzwahl war einfach nicht mehr vorhanden.

Bild von Gerd Altmann (Pixabay)

Jahrzehnte wurde ich vorgeführt. Und obwohl ich es inzwischen besser wissen sollte, gehe ich der Werbung immer noch auf den Leim. Auch deswegen, weil Reklame sich wandelt, sich der Zeit anpasst und mir neuerdings keine Produkte mehr andrehen will, sondern einen Lifestyle, ohne den mein Leben keinen Sinn mehr ergeben würde. Sogar beim Kauf von Toilettenpapier gibt es das Gefühl von frischer Freiheit gratis obendrauf. Das war früher anders.

Gleich geblieben ist jedoch der Umgang mit der Wahrheit. Ich glaubte als Knabe, nachdem ich den Milka-Werbespot gesehen hatte, doch tatsächlich, das Braune, das aus der lila Kuh kam, wäre Vollmilchschokolade. Bis ich pubertierte, war ich überzeugt, Käpt‘n Iglo fährt mit einem antiken Segelschiff aufs Meer, um dort Fischstäbchen verpackungsfertig mit umweltfreundlichen Hand-Keschern nachhaltig von der Meeresoberfläche abzufischen. Als ich endlich von daheim auszog und glücklich über meine erste eigene Wohnung war, versprach mir Ikea ein unbeschwertes Leben mit Billy.
Irgendwann zwischen Milka, Iglo und Ikea ist es passiert. Die Werbung hat neue Bedürfnissen in mir geweckt. Ich hatte doch ein schönes, voll funktionsfähiges Regal in meinem alten Kinderzimmer, aber ich wollte in meinen ersten vier Wänden nicht nur wohnen, ich wollte leben, so richtig. Das ging anscheinend nur mit Billy.

Die Grätchenfrage lautet also: Wieso wirkt Werbung bei mir? Warum gelingt es Werbetreibenden immer wieder, mich glauben zu lassen, ich wisse, was ich brauche. Vielleicht, weil es einfacher ist, zu glauben, als zu wissen? Ich weiß es nicht.
Und dann ist da noch das Ding mit dem Geiz, der mich scheinbar so geil macht, dass mein ganzes Blut in die Kreditkarte fliest, wenn ich all die vermeintlichen Angebote sehe. Der Kaufrausch lässt mich vergessen, dass ich lediglich spare, wenn ich nichts kaufe. Wenn ich jedoch nichts kaufe, kann ich nicht frei sein. Der Wahnsinn hat sich in meinem Kopf breitgemacht. Ich glaube der Werbung. Ich will frei sein.
Das war damals übrigens auch anders, da war die Freiheit noch Aufgabe von Marlboro und der Demokratie.

Reklame ist ein geschickter Verkäufer, doch wenn sie von Amateuren gemacht wird, von Möchtegern-Kreativen, kann das genau das Gegenteil bewirken.

Wer liest denn noch die Klassiker? Ja, WER? Wird man in der Schule dazu verdonnert - Schicksal. Doch daheim, in den eigenen vier Wänden, den Argusaugen der Lehrer entkommen, wer sollte sich diese Tortur antun? Freiwillig?