Letzte Woche war ich im Kino. Es war eines dieser alten Lichtspielhäuser, in dem die Zeit irgendwo in den späten 1980ern stehen geblieben war, was ich von der Dame hinter der Kasse nicht behaupten konnte. Ich stellte mich an und als ich an der Reihe war, fragte ich nach einem Ticket. Während sie es mir reichte, sagte sie: „Freie Platzwahl.“ Ich zahlte, ohne weiter über ihre Worte nachzudenken und ging in den Saal. Aber ..., da saßen schon anderer Gäste. Hatte die Dame an der Kasse nicht etwas von freier Platzwahl gefaselt? Wie frei kann die Platzwahl denn sein, wenn einige Gäste ihre Sitze bereits eingenommen haben und darf ich die bei Bedarf von ihren Plätzen vertreiben, um die mir versprochene freie Wahl umfänglich zu nutzen? Wenn nicht, hat die Dame an der Kasse gelogen. Gibt es überhaupt eine freie Wahl, oder handelt es sich dabei um eine dieser verflixten Paradoxien? Dafür könnte die Kassiererin wiederum nichts, denn Paradoxien tauchen einfach so auf. Sei spontan! Funktioniert in dem Moment nicht mehr, wenn Sie die Aufforderung erst mal gelesen haben. Versuchen Sie es mal!

Das Licht ging aus, der Vorhang auf und ich konnte mich nicht entscheiden, wo ich mich hinsetzen sollte. Freie Platzwahl, wiederholte ich in meinen Gedanken, freie Platzwahl. Das entspricht ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nicht der Wahrheit. 
Die Werbung fing an. 
Was ist eigentlich Wahrheit? Hört die eigene Wahrheit nicht da auf, wo die Wahrheit des Andern beginnt? Mal abgesehen davon, ist freie Platzwahl nicht ein Pleonasmus? Denn eine Wahl sollte, zumindest in Demokratien, zu jeder Zeit frei sein. Haben wir überdies so etwas wie einen freien Willen, der wiederum Voraussetzung für eine freie Wahl wäre? Wenn nicht und es ist sowieso alles vorherbestimmt, folglich auch mein Sitzplatz, so müsste ich doch wissen, wo mein Platz ist, denn in zwei Stunden, wenn der Film aus ist, werde ich ja gesessen haben. Folglich werde ich nach Ende des Films von meinem Sitz, gewählt oder vorbestimmt, aufgestanden sein und die Platzwahl wird keine Rolle mehr spielen. Spielt also die Wahrheit über meine Freiheit, den eignen Platz zu wählen im Jetzt eine Rolle? Scheiße! Manchmal möchte ich einfach in einer Diktatur der Gedanken leben. Alles wäre schön einfach, lediglich das machen, was mir gesagt wird, ohne darüber nachzudenken. 
Die Werbung war zu Ende, das Licht ging wieder an, der Vorhang zu und die Pausenmusik dudelte. Hinten im Vorführraum sah ich durch das Projektionsfenster eine Gestalt. Sie machte irgendetwas, bückte sich, stand wieder auf. 
Der Film fing an.
Ich fühlte mich unfrei. Hatten die anderen Gäste mich meiner Freiheit beraubt oder war es die Dame an der Kasse mit ihrer Falschaussage über die freie Wahl? Und weil das nicht schon kompliziert genug war, schoss mir noch ein weiterer Gedanke ins Gedächtnis. So ein Neurowissenschaftler hatte letzthin in einem Experiment nachgewiesen, dass irgendein spezieller Teil des Gehirns bereits eine Entscheidung getroffen hat, bevor es einem selbst bewusst wird. Keine Ahnung, wie das genau gehen soll, aber Millisekunden, bevor freie Menschen eine Handlung ausführen, hat das Gehirn die Entscheidung bereits gefällt. Das traf auf mich nicht zu, denn ich stand bereits mehrere tausende Millisekunden an derselben Stelle und dieser spezielle Teil meines Gehirns hatte nichts entschieden. Der Film lief schon ein paar Minuten und ich setzte mich irgendwo hin, doch frei war diese Entscheidung nicht, aber wenigstens bewusst.

Ich verstand nun zumindest, warum die meisten Kinos keine freie Platzwahl mehr anbieten. Die Theaterbetreiber müssten ja neben den Kassierern, den Einlassern und den Vorführern auch Philosophen einstellen, um die Frage der freien Wahl zu klären und die Kinotickets würden am Ende so viel kosten wie eine Karte fürs Theater.