Gestern Abend beschloss ich, nicht in die Tram zu steigen und den Rest meines Heimweges zu Fuß zu gehen. Gestern? War das gestern? Nein, es muss vorgestern gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls ging ich, in Gedanken vertieft, meines Weges, als der Mann vor mir sich plötzlich bückte. Beinahe wäre ich in ihn rein gelaufen. Bin ich in Gedanken versunken, kann es zuweilen ein bisschen dauern, bis mein Hirn wieder in Interaktion mit meinen Sinnen tritt und ich angemessen auf die Außenwelt reagieren kann. Gestern, es war gestern, ganz sicher. 

Warum bückte sich der Mann? Verloren hatte er nichts, im Gegenteil. Er hob ein 1 Cent-Stück vom Boden auf, steckte es in seine Tasche und ging weiter. Wenn ich seinen Gesichtsausdruck richtig interpretiert habe, freute er sich sogar. Mir fiel der Spruch meiner Oma ein: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“ Damals habe ich den Spruch nicht verstanden. Heute erschließt er sich mir immer noch nicht, obwohl ich inzwischen weiß, was ein Taler ist. Ich finde den Ausspruch ähnlich stumpfsinnig wie so viele Sprüche, die lediglich aus holen Worten ohne Inhalt bestehen. Bete und arbeite oder ohne Fleiß kein Preis. Solche Second-Hand-Weisheiten haben eins gemeinsam, sie sind kurz und prägen sich leicht ein. Ein paarmal gehört und gehorsam hoch- und runtergebetet, gelten sie als unumstößliche Wahrheit.
Lebe sparsam, sei gehorsam und letztendlich wird irgendeine göttliche Kraft für Gerechtigkeit sorgen, aber auch nur dann, wenn der Gutgläubige sich wirklich daran hält. Wer das Kleingedruckte gelesen hat, wird feststellen, dass das selbstverständlich erst nach dem Tod gilt. Vorher müssen wir mit uns selber klar kommen, denn kein Gott bietet den Lebenden bei Ungerechtigkeit Soforthilfe an.

Wo war ich? Ach ja, auf dem Heimweg. Ich begreif es nicht. Selbst wenn der Mann sich jeden Tag nach einem Cent bückt und aufhebt, verdient er maximal 3,65 Euro im Jahr, da habe ich Sonn- und Feiertag bereits mitgerechnet. Reichtum kann nicht sein Beweggrund gewesen sein, aber warum hat er das Geldstück aufgehoben? Vielleicht, weil es ihm Glück bringen soll? Ich dachte, in einer Zeit der Aufklärung durch Wissenschaft ist Aberglaube kein Thema mehr. Und wer hat sein Glück schon jemals auf der Straße gefunden? Da holt man sich eher Krankheiten. Drei Euro fünfundsechzig im Jahr, unter guten Voraussetzungen. Viel ist das nicht. Zumindest ist es doppelt so viel, wie noch vor der Einführung des Euros, immerhin hat der Cent zum Pfennig seinen Wert immens gesteigert. 95,583 % Reingewinn, lässt man die Inflation mal weg. Für so eine Gewinnspanne bückt sich so mancher gern. 
Der Mann mit dem Cent in seiner Tasche bog an der nächsten Kreuzung ab. Ich ging weiter geradeaus und musste immer noch über ihn nachdenken. Ab einem gewissen Alter ist Bücken gar nicht mehr so gut fürs Kreuz und so jung sah der Mann nicht mehr aus. Ich hatte sogar kurz die Befürchtung, er käme nicht mehr hoch. Ein bisschen viel Aufwand für so ein Cent-Stück.

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Was für ein Blödsinn. Jeff Bezos, Elon Musk, die Rockefellers oder die Familie Quant wissen wahrscheinlich nicht mal, wie Kleingeld aussieht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die reich geworden sind, weil sie irgendeinen Pfennig ehrten. Vergessen Sie‘s! Ich habe den Cent nach allen mir bekannten religiösen Bräuchen geehrt und verehrt, aber daraus wurde nie ein Euro. Und Arbeiten gehen, wollen meine Cent-Stücke auch nicht, hab alles versucht. Nur wer reich ist, kann es sich leisten, sein Geld für sich schuften zu lassen. Wenigstens machen meine Cent-Stücke keinen Ärger, sie liegen faul in meinem Geldbeutel und im Endeffekt ist das eine große Erleichterung für mich! Mein Geld erhebt keinen Anspruch auf Urlaub, meldet sich nie krank und streikt nicht.

Wer den Cent nicht ehrt, ist des Euros nicht wert. Derartige Slogans ohne Inhalt erschaffen Träume, Hoffnungen. Hat er den Cent etwa doch aufgehoben, um etwas Glück zu finden? Dann hätte er die Münze nach seinem Wunsch wieder zurück auf den Boden legen müssen. Für den Nächsten! Vielleicht braucht der mehr Glück. Das war ganz schön egoistisch von ihm, der nimmt anderen ihr Glück weg; für den Fall, dass man daran glaubt. Mich macht es jedenfalls nicht glücklich, aus welchen Gründen auch immer, wertloses Metall von der Straße aufzusammeln, genauso wenig wie arbeiten und beten.
Jetzt wird es mir klar, der Mann ist Umweltschützer. Genau, Umweltschützer! Der hat den Cent bestimmt aufgehoben, um die Straße von Schwermetallen zu befreien. Ein sehr nobler Gedanke. Endlich einer, der was für die Umwelt macht und nicht nur drüber redet. Die Produktion eines Cent-Stücks ist aufwendig und verursacht eine Menge CO2.

Wer den Taler ehrt, wird auch nicht reich. Mit einem Taler können Sie eh nichts mehr anfangen und in den meisten Fällen ist er nicht mal das Material wert, auf dem er gedruckt ist. Vielleicht bekommen Sie mit viel Glück noch auf irgendeinem Mittelalter-Markt im 1 Taler-Laden eine Kleinigkeit.

Ich weiß nicht, wer uns eingeredet hat, dass man des Talers nicht wert ist, wenn man den Pfennig nicht ehrt? Woher kommt diese Gier nach Kupfergeld? Das Zeitalter des Kupfers liegt weit in der Vergangenheit und keiner muss heutzutage noch Metall zu einer Waffe weiterverarbeiten.
Sie müssen Geld nicht verehren! Hätten Sie es, würden Sie es garantiert nicht verehren, Sie würden es für sich arbeiten lassen. Aber bücken Sie sich nur weiter täglich nach Cent-Stücken, Sie werden spätestens nach 100.000 Jahren merken, dass sie immer noch kein Millionär sind. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Glück beim Streben nach Reichtum, denn jeder kann reich werden, aber es dauert halt.

Nee, es bringt nichts. Mit Kleingeld werden Sie nicht reich. Auch dann nicht, wenn Sie jeden einzelnen Cent, den Sie jemals als Rückgeld bekommen oder von der Straße aufheben, in irgendwelchen Gefäßen sammeln. Die werden nur unnötig schwer und der Inhalt wird selbst nach Jahren des Sammelns keinen Wert haben. Lassen Sie die Cent-Stücke liegen! Lohnt sich nicht. Sie werden übrigens auch nicht reich, wenn Sie an der Supermarkt-Kasse stundenlang diskutieren, ob der ausgezeichnete Preis 10 Cent weniger war, als Sie letztendlich gezahlt haben.
Was soll's. Die meisten diskutieren lieber an der Kasse um ein paar Groschen und vergessen überdies, die AGBs ihrer Verträge mit ihrem Versicherungsunternehmen oder ihrer Bank zu lesen. Würden sie die verlorene Zeit an Kassen sinnvoller nutzen und das Kleingedruckte lesen, könnten sie bestimmt mehr sparen als ein paar Cent im Supermarkt.

Wenn Sie klug sind, legen Sie den gefunden Cent zu 1 %-Zins auf ihr Sparbuch, dann wäre einer Ihrer Nachkommen dank Zinseszins, immerhin schon nach nur 1852 Jahren Millionär, vorausgesetzt Sie finden eine Bank, die noch 1 %-Zinsen p. a. gewährt und für diese Millionen mussten Sie sich nur einmal bücken! Aber wie heißt es doch so schön? Was lange währt, wird endlich gut!