Jochens Notizblock

Bild: johnhain von Pixabay - in Zeiten von Corona sollte Händeschütteln natürlich nur symbolisch sein

Ein polemisches Pamphlet


Komm, geh doch in ein Krankenhaus und schau zu, wie Infizierte an Corona leiden

Komm Heuchler, geh in ein Krankenhaus und schau zu, wie Kranke an multiresistente Keimen sterben

Geh in ein Altenheim, in das gebrechliche Menschen abgeschoben werden und schau zu, wie sie wegen Pflegemangels nicht würdevoll versorgt werden können

Geh danach noch in eine Suppenküche und schau bedürftigen Menschen zu, wie sie in diesem reichen Land für ihr Essen anstehen müssen

Komm Heuchler, geh doch in ein Land, in dem das wirklich jemand interessiert

 

Komm Heuchler, geh doch auf eine Plantage, auf der Sklaven unsere Früchte ernten

Geh in ein Land, in dem alle 5 Sekunden ein Kind an Hunger stirbt

Geh in ein Kriegsgebiet, in dem Menschen bei „Friedenseinsätzen“ wegen unserer Ressourcen-Gier sterben

Komm Heuchler, sag mir, wo ist deine Solidarität noch gleich geblieben

 

Komm Heuchler, schau in die Geschichtsbücher und verachte die Zeiten, in denen Kritik am bestehenden System Menschen das Leben gekostet hat

Komm, schau in die Geschichtsbücher und verachte die Zeiten, in denen Dogmatiker aus blindem Glaubensgehorsam Vordenker getötet haben

Komm, schau in die Geschichtsbücher und verachte die Zeiten, wo Menschen aus Ignoranz Andersgesinnte gelyncht haben

Komm Heuchler, schau verächtlich zurück in die Vergangenheit und erkenne die Gegenwart nicht

 

Komm Heuchler, sag mir! Wo ist das Land geblieben, in dem respektvoller Umgang miteinander möglich war, Solidarität wichtiger als Obrigkeitshörigkeit

Komm, sag mir! Wo ist das Land geblieben, in dem Kritik an der Regierung wesentlicher Bestandteil war

Komm, sag mir! Wo ist das Land geblieben, in dem Menschen die Meinungen der Anderen tolerierten und sich nicht gegenseitig in die Ecke trieben, das Land, in dem sich Meinungsverschiedenheiten durch Diskurs lösen ließen und nicht durch Diskreditierung oder gar Gewalt?

Komm Heuchler, versprich mir! Wir gehen gemeinsam dahin zurück!

 

Gestern Abend fuhr ich nach meiner Arbeit mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof. Für gewöhnlich steige ich anschließend in die Tram, doch gestern war mir nicht danach. Gestern? War das gestern? Nein, das muss vorgestern gewesen sein. Egal. Jedenfalls ging ich den Rest des Weges zu Fuß nach Hause. Ich schlenderte ohne meine Umgebung groß zu beachten entlang des Gehwegs, als der Mann vor mir plötzlich stehen blieb und sich bückte. Beinahe wäre ich ihn reingelaufen. Bin ich nämlich in Gedanken versunken, kann es zuweilen etwas dauern, bis mein Hirn wieder in Interaktion mit meiner Umwelt tritt.

Der Mann hob ein Cent-Stück auf, pustete es an und begutachtete es von beiden Seiten. Er bemerkte, dass ich ihn beobachte. Er drehte sich zu mir um, hielt mir das Geldstück unter die Nase und sagte: „So ein Glück.“ Dabei lächelte er. Ich war ob seiner Kontaktfreudigkeit verwirrt, ebenso über seine Freude wegen eines Stück Metalls. Ohne ihm zu antworten, setzte ich meinen Fußweg nach Hause fort und ließ ihn mit seiner Freude stehen. Nun war ich aus meinen Gedanken gerissen, konnte mich nicht mehr erinner, worüber ich nachgedacht hatte.
Ich versuchte, mich daran zu erinnern, aber der Mann mit seiner Münze hatte mich aus dem Konzept gebracht, mein Gedanke war weg. Ein paar Meter weiter viel mir dafür der Spruch meiner Oma ein: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“ Damals habe ich den Spruch nicht verstanden, schließlich musste ich für ein Dach über meinem Kopf nicht arbeiten, bekam drei Mahlzeiten am Tag und hatte ein Fahrrad. Mehr brauchte ich nicht, ich war glücklich. „Wer den Pfennig nicht ehrt, …“. Blödsinn. Der Ausspruch ergibt heute immer noch keinen Sinn, obwohl ich inzwischen für mich selber sorgen muss. Er ist ähnlich stumpfsinnig wie so viele Sprüche, die lediglich aus hohlen Worten ohne Inhalt bestehen. „Wer essen will, muss arbeiten!“ oder „ohne Fleiß kein Preis“. Solche Second-Hand-Weisheiten sind kurz und prägen sich leicht ein. Von Kindesbeinen an werden sie uns eingetrichtert. Ein paarmal gehört und gehorsam hoch- und runtergebetet, werden sie zur unumstößlichen Wahrheit, die keiner mehr hinterfragt. Doch mit Fleiß oder gar ehrlicher Arbeit sind die Wenigsten reich geworden. Krankenschwestern, Pfleger in Altersheimen, ehrlich arbeitende Menschen können sich meist nicht mal eine Wohnung in Großstädten leisten. Daran ändert auch ihr Fleiß nichts. „Arbeite und bete“. Lebe sparsam, sei gehorsam und wenn du dich als Arbeiter ohne Widerrede daran hältst, wird irgendeine göttliche Kraft schon für Gerechtigkeit sorgen.
Wer das Kleingedruckte gelesen hat, wird feststellen, dass das selbstverständlich erst nach dem Tod gilt. Vorher müssen die Gutgläubigen mit sich selbst klar kommen, denn Gott bietet den noch Lebenden keine Soforthilfe bei Ungerechtigkeit. Das Paradis gibt es erst nach dem Tod. Geschickt! Überprüfen kann das keiner.

Letzte Woche war ich im Kino. Es war eines dieser alten Lichtspielhäuser, in dem die Zeit irgendwo in den frühen 1980ern stehen geblieben war. Die Plakate an den Wänden, die Möbel, der Teppich, die Uhr, die Klamotten der älteren Dame hinter der Kasse. Rundum ein willkommener Rückblick in eine vergangene Zeit. Sogar der Geruch war wie damals. Also der des Kinos, nicht der Dame. Ich stellte mich an. Die Schlange zur Kasse war nicht lang, dennoch dauerte es, bis ich an der Reihe war. Noch bevor ich Hallo sagen konnte, raunte die Kassiererin ohne mich anzusehen: „Zwei Mal?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nur ein Mal.“ Die ältere Dame blickte auf ihren Bildschirm, kniff die Augen zusammen und bewegte die Maus völlig unkontrolliert auf ihrem Tresen hin und her. Währenddessen murmelte sie vor sich hin. Verstanden hatte ich nichts, war zu undeutlich. Hatte ich sie aus dem Konzept gebracht, weil ich alleine ins Kino wollte? Nach mehreren Kilometern Wegstrecke, die die Maus bestimmt zurückgelegt haben musste, kam endlich ein Ticket aus dem Drucker. Ziemlich viele Bewegungen für nur ... Sie unterbrach meinen Gedanken. „Acht fünfzig. Freie Platzwahl.“ „Danke“ antwortete ich, zahlte, nahm mein Ticket und ging ohne weiter über ihre Worte nachzudenken in den Saal.

Wer liest denn noch die Klassiker? Ja, WER? Wird der Eine oder Andere in der Schule dazu verdonnert - Pech. Doch daheim, in den eigenen vier Wänden, den Argusaugen der Lehrer entronnen, wer sollte sich diese Tortur freiwillig noch antun? Doch nur jene, die Literatur studieren oder jene, die besonders intellektuell wirken wollen, oder? 

Es muss kurz nach meiner Schulzeit gewesen sein, als ich mir einbildete, die Klassiker lesen zu müssen. Ich hielt das für eine gute Idee, um entronnene Bildung nachzuholen. Kann ja nicht schaden, dachte ich mir. Und da ich im Unterricht seit der siebten Klassen nicht mehr so richtig aufgepasst hatte, falls ich denn überhaupt anwesend war, schien mir das ein gutes Projekt, um Versäumtes nachzuholen. Um ehrlich zu sein, eigentlich sann es mir, gescheit daher zu reden, mein Umfeld zu beeindrucken. Schulbildung ging mir zum damaligen Zeitpunkt ziemlich am Arsch vorbei. Hatte mit meinem Leben genug zu tun.
Entschuldigung, ich schweife ab. Klassiker der Literatur!
Es muss kurz nach meiner Schulzeit gewesen sein, als das Drama seinen Anfang nahm. Ursprünglich begann es bereits in meiner Kindheit. Schuld war Gulliver! Ich wollte das Buch über seine Reisen lesen. Die Kinderausgabe. Doch mein Vater schenkte mir das Originalwerk - in deutscher Übersetzung. Eigentlich ein schönes Geschenk, nur war ich zu dem Zeitpunkt gerade mal neun Jahre alt. Ich wünschte mir von meinen Vater die Kinderausgabe mit vielen Bildern. Aber nein, er kaufte mir das Originalwerk von Jonathan Swift. Das war zwar ebenfalls bebildert, wenn auch sehr spärlich und aus kindlicher Sicht mit eher befremdlichen Bildern, aber bereits das Vorwort von Hermann Hesse hatte mich intellektuell total überfordert.
Ich kann meinem Vater keinen Vorwurf deswegen machen, hatte ich meinen Wunsch nicht genau spezifiziert. Auf jeden Fall war dieses Buch für mich als Kind unlesbar und so legte ich es zur Seite und vergaß es. Viele Jahre später, während des Auszugs aus der elterlichen Wohnung, fand ich das Buch beim Einpacken nebst den vielen andern ungelesenen Büchern in meinem Regal. Trotz meiner schlechten Erfahrung mit Gulliver damals, trat ich die Reise mit ihm aufs Neues an. Für das missglückte Geschenk meines Vaters konnte Herr Swift ja nichts. Und genau da, also kurz nach meinem Umzug, nahm das Drama seinen Lauf.

Oft belächelten wir oder verdrehen verächtlich die Augen, wenn Sänger auf die Idee kommen, schauspielern zu wollen, oder umgekehrt. Zu Recht. Viele bekannte Menschen haben nicht dass nötige Talent, Künstler aller Gattung zu sein. Doch gibt es Ausnahmen. Und so eine Ausnahme ist Armin Müller-Stahl, denn sein Talent erstrecken sich auf viele Bereiche. Was er angeht, ist nicht nur gut, es ist herausragend. Von seinem schauspielerischen Können mal abgesehen, hat er einen Abschluss als Geigenlehrer am Konservatorium. Er kann also nicht nur spielen - in zweifacher Hinsicht - sondern er kann auch schreiben und malen - und das nicht schlecht.

Allzu leichtfertig schmeißen die Menschen mit großen Worten um sich, loben bis in den Himmel und so sind die meisten Worte vergriffen und nichts mehr wert. Was tun? Welche Worte sind treffend, nicht aber zugleich kitschig oder abgenutzt. Ich sage es kurz: Was auch immer Armin Müller-Stahl anfasst, wird nicht nur zu Gold sondern zu etwas Wunderbarem. Im Münchner Prinzregententheater stellte der Maestro aller Klassen sein Können unter Beweis.

Er las nicht nur aus seinen Büchern „Hannah“ und „Kettenkarussell“, sondern er plauderte auch aus dem Nähkästchen - seiner Vergangenheit. Der Rezitator nahm uns auf eine einzigartige Reise in die Welt seiner Vergangenheit mit. Wenn Armin Müller-Stahl aus seinen Werken laß, schien es, als sei man wahrhaftig mitten drin. Als säße man in einem Café, alleine einen Espresso trinkend und das Geschehen am Nachbartisch belauschend. Musikalisch unterstützt wurde er dabei von zwei jungen aufstrebenden Musikern. Am Klavier saß Mike Jin und aus der Geige holte Sarah Spitzer die schönsten Töne. Frau Spritzer wird von Müller-Stahl gefördert. Sie spielten Werke von Kreisler, Brahms, Bach und einiger anderer bekannter Komponisten.

Und so endete der Abend mit seinem Gedicht „Bin schon Gaukler 50 Jahr“. Die Lesung mit Armin Müller-Stahl, untermalt mit klassischen Klängen, war ein unvergessliches Ereignis. Es war eine Wohltat für die gestresste Seele.

Für zwei Stunden waren wir Zuschauer Teil seines Lebens.

 

Ewig, ja, ewig träumte ich davon, mal nach Rom zu fahren. Rom, die Königin der Städte, die Wiege unserer Kultur. Und endlich hatte sich dieser lang ersehnte Wunsch erfüllt.
Ich entdeckte auf dieser Reise aber nicht nur die schöne Stadt, sondern auch - die Ewigkeit.
Für viele Studenten der Philosophie mag die Entdeckung der Ewigkeit vielleicht ein wünschenswertes Thema sein, um den Abschluss eines sinnvollen Studiums mit einer noch sinnvolleren Promotion zu krönen. Für mich im Gegensatz war die Unendlichkeit real, greifbar.
Denn Ewigkeiten hat das Warten in den Schlangen vor den Sehenswürdigkeiten gedauert.
Aber nicht nur ewig viel Zeit muss man in Rom haben, sondern auch ewig viel Geld.

Neulich gab es in dem Kino, in dem ich arbeite, eine Sonderveranstaltung, die nichts, aber auch gar nichts mit Kino zu tun hatte. Die Chefetage einer Kosmetikfirma feierte die Neuerscheinung eines Verjüngungsprodukts und viel wichtiger, sie feierte sich selbst.
Ich würde es bevorzugen, Stereotype zu vermeiden, aber in der Modewelt, na ja, da dreht sich halt doch alles um die äußeren Werte. Und somit durfte bei der Präsentation ihres Produkts der goldene Rahmen nicht fehlen. Die Dekoration war pompös, das Buffet ebenso.