Gestern Abend fuhr ich nach meiner Arbeit mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof. Für gewöhnlich steige ich anschließend in die Tram, doch gestern war mir nicht danach. Gestern? War das gestern? Nein, das muss vorgestern gewesen sein. Egal. Jedenfalls ging ich den Rest des Weges zu Fuß nach Hause. Ich schlenderte ohne meine Umgebung groß zu beachten entlang des Gehwegs, als der Mann vor mir plötzlich stehen blieb und sich bückte. Beinahe wäre ich ihn reingelaufen. Bin ich nämlich in Gedanken versunken, kann es zuweilen etwas dauern, bis mein Hirn wieder in Interaktion mit meiner Umwelt tritt.

Der Mann hob ein Cent-Stück auf, pustete es an und begutachtete es von beiden Seiten. Er bemerkte, dass ich ihn beobachte. Er drehte sich zu mir um, hielt mir das Geldstück unter die Nase und sagte: „So ein Glück.“ Dabei lächelte er. Ich war ob seiner Kontaktfreudigkeit verwirrt, ebenso über seine Freude wegen eines Stück Metalls. Ohne ihm zu antworten, setzte ich meinen Fußweg nach Hause fort und ließ ihn mit seiner Freude stehen. Nun war ich aus meinen Gedanken gerissen, konnte mich nicht mehr erinner, worüber ich nachgedacht hatte.
Ich versuchte, mich daran zu erinnern, aber der Mann mit seiner Münze hatte mich aus dem Konzept gebracht, mein Gedanke war weg. Ein paar Meter weiter viel mir dafür der Spruch meiner Oma ein: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“ Damals habe ich den Spruch nicht verstanden, schließlich musste ich für ein Dach über meinem Kopf nicht arbeiten, bekam drei Mahlzeiten am Tag und hatte ein Fahrrad. Mehr brauchte ich nicht, ich war glücklich. „Wer den Pfennig nicht ehrt, …“. Blödsinn. Der Ausspruch ergibt heute immer noch keinen Sinn, obwohl ich inzwischen für mich selber sorgen muss. Er ist ähnlich stumpfsinnig wie so viele Sprüche, die lediglich aus hohlen Worten ohne Inhalt bestehen. „Wer essen will, muss arbeiten!“ oder „ohne Fleiß kein Preis“. Solche Second-Hand-Weisheiten sind kurz und prägen sich leicht ein. Von Kindesbeinen an werden sie uns eingetrichtert. Ein paarmal gehört und gehorsam hoch- und runtergebetet, werden sie zur unumstößlichen Wahrheit, die keiner mehr hinterfragt. Doch mit Fleiß oder gar ehrlicher Arbeit sind die Wenigsten reich geworden. Krankenschwestern, Pfleger in Altersheimen, ehrlich arbeitende Menschen können sich meist nicht mal eine Wohnung in Großstädten leisten. Daran ändert auch ihr Fleiß nichts. „Arbeite und bete“. Lebe sparsam, sei gehorsam und wenn du dich als Arbeiter ohne Widerrede daran hältst, wird irgendeine göttliche Kraft schon für Gerechtigkeit sorgen.
Wer das Kleingedruckte gelesen hat, wird feststellen, dass das selbstverständlich erst nach dem Tod gilt. Vorher müssen die Gutgläubigen mit sich selbst klar kommen, denn Gott bietet den noch Lebenden keine Soforthilfe bei Ungerechtigkeit. Das Paradis gibt es erst nach dem Tod. Geschickt! Überprüfen kann das keiner.

Ich hatte Hunger. Mein Kühlschrank war leer, das war er gestern auch schon. Ich durfte nicht vergessen, mir noch schnell eine Kleinigkeit zu besorgen. Am besten bei dem Bäcker in der Nähe meiner Wohnung.

Der Kapitalismus stellt sich da schon geschickter an. Er verspricht den Gutgläubigen bereits zu Lebzeiten unendlichen Reichtum. Na ja, zumindest die Hoffnung darauf. Strafen wie im Alten Testament sind auch nicht mehr zeitgemäß. Das hat der Kapitalismus erkannt und sät Träume in unsere Köpfe, die zu Begierden reifen. Aber nur, wenn man hart genug dafür arbeitet und sie jeden Tag mit gutem Glauben gießt. Deswegen funktioniert das System Kapitalismus wohl so gut, zumindest auf unserer Seite des Planeten. Hoffnung auf Reichtum ist dank ewigen Wachstums allgegenwärtig. Jeder kann reich werden, doch eben nicht alle. Kein System könnte diese Herausforderung meistern. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Alles wird gut, so die Botschaft. Der Mensch braucht Regeln, gewohnte Abläufe, Sprüche, Träume und Hoffnungen, die ihn über den Tag bringen. Glauben. Arbeit. Das lenkt ab. Religion. Kapitalismus. Der Erfüllung im Leben durch Sinnhaftigkeit bieten beide Systeme. Ebenso können beide bestehen, weil wir an das eine oder andere oder an beides glauben, darauf vertrauen. So, wie wir es gelernt haben. Vielleicht mag der Kapitalismus, in dem kein übermächtiges Wesen mehr innewohnt und der Abkehr von Religion die logische Weiterentwicklung einer fortgeschrittenen Gesellschaft sein? Jedoch sind die hohlen Versprechen des Kapitalismus kein Lösungsansatz für eine gerechte Gesellschaft. Ein System, das Gewinnmaximierung als Leitsatz hat, wird am Ende immer auf Kosten der Solidarität ausgetragen.

Scheiße! Wo war ich? Wie kam ich jetzt auf Hoffnung im Kapitalismus? Ich muss lernen, mich auf ein Thema zu konzentrieren. Der Mann, das Centstück.
Sein Verhalten verstehe ich nicht. Selbst wenn er jeden Tag ein Cent von der Straße aufheben würde, verdient er maximal 3,65 Euro im Jahr, Sonn- und Feiertag mitgerechnet. Reichtum kann folglich nicht sein Beweggrund gewesen sein. Warum hat er das Geldstück also aufgehoben? Sollte es ihm Glück bringen? Gesagt hatte er das. War es sein Aberglaube. Ein Wegweiser für jene, die mit Logik nicht allzu viel anfangen können. Abgesehen davon, wer hat sein Glück schon jemals beim Bücken auf der Straße gefunden? Da holt man sich eher Krankheiten.
Drei Euro fünfundsechzig im Jahr. Unter guten Voraussetzungen. Viel ist das nicht. Zumindest ist es doppelt so viel, wie noch zur Zeiten des Pfennigs. 95,583 % Reingewinn zu damals, lässt man die Inflation mal weg. Für so eine Gewinnspanne lohnt es doch zu bücken. Träume und Hoffnung sind dafür da, uns gefügig zu machen. Vielleicht glauben wir irgendwann mal an die Vernunft? Setzen dort all unsere Hoffnung rein?

Die Ampel war rot. Der Mann mit dem Cent in seiner Tasche bog vor der Kreuzung ab. Ich könnte schwören, er hatte das Grinsen immer noch im Gesicht. Grün, ich ging über die Straße und musste immer noch über ihn nachdenken. Ab einem gewissen Alter ist Bücken gar nicht mehr so gut fürs Kreuz und so jung sah der Mann nicht mehr aus. Ich hatte sogar kurz die Befürchtung, er käme von alleine nicht mehr hoch. Ein bisschen viel Aufwand für so ein Cent-Stück.
Ich musste mich etwas beeilen, der Bäcker machte gleich zu.

„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“ Was für ein Schwachsinn. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass einer jemals reich geworden wäre, weil er irgendein Geldstück geehrt hätte. Milliardäre wissen wahrscheinlich nicht mal, wie Kleingeld aussieht, geschweige denn, dass sie es von der Straße glauben würden. Reiche lassen Geld für sich arbeiten, ist viel effizienter. Und sauberer. Das funktioniert übrigens nur, wenn man vermögend ist. Ich weiß nicht, wie das bei anderen Normalverdienern ist, aber bei mir bleiben die Cent-Stücke faul und arbeitsunwillig im Geldbeutel liegen. Auch hege ich nicht die geringste Hoffnung, dass meine Münzen irgendwann arbeiten gehen werden. Ich kann damit einigermaßen gut leben, meldet sich mein Kleingeld nie krank, braucht keinen Erholungsurlaub und streikt nicht.

Wer den Cent nicht ehrt, ist des Euros nicht wert. Hat er den Cent etwa aufgehoben, um sich etwas zu wünschen? Dann hätte er die Münze nach seinem Wunsch wieder zurück auf den Boden legen müssen. Für den Nächsten. Vielleicht hätte der mehr Glück gebraucht. Das war ganz schön egoistisch von ihm. Der nimmt anderen ihr Glück weg! Für den Fall, dass man daran glaubt. Mich jedenfalls macht es nicht glücklich, wertloses Metall von der Straße aufzusammeln, genauso wenig wie arbeiten und beten.

Ich war fast daheim. Der Bäcker hatte noch offen. An der Eingangstür kam mir noch ein anderer Gedanke. Der Mann wollte etwas Gutes für die Umwelt tun. Genau, so muss es sein. Der hat den Cent bestimmt aufgehoben, um die Straße von Schwermetallen zu befreien. Ein sehr nobler Gedanke. Endlich einer, der was für die Umwelt macht und nicht nur drüber redet. Und ich hatte ihn in meinen Gedanken bereits verurteilt als Egoist und Geizkragen. Das war mir fast schon peinlich. So ein Krampf! Wegen der Umwelt hat sich noch keiner verrenkt. Vergessen Sie das wieder!

Ich war an der Reihe, bestellte ein paar Brezen und eine Nussschnecke. Drei Euro siebzehn, sagte die Verkäuferin. Ich machte meinen Geldbeutel auf, zählte mein Kleingeld zusammen. Mir fehlte ein Cent.

Wer den Taler ehrt, wird auch nicht reich. Mit einem Taler kann man heutzutage eh nichts mehr anfangen und in den meisten Fällen ist er nicht mal das Material wert, auf dem er geprägt wurde. Vielleicht bekommt man mit viel Glück auf irgendeinem Mittelalter-Markt im 1 Taler-Laden noch eine Kleinigkeit.
Wer hat uns eigentlich so erfolgreich eingeredet, dass man des Talers nicht wert ist, wenn man den Pfennig nicht ehrt? Warum messen wir Reichtum in Geld? Weil das Alte Testament uns das so gelehrt hat. Landerwerb und Handel.

Drei Euro siebzehn, bitte!
Scheiße. Meine Gedanken in Ehren, aber mir fehlte immer noch ein Cent. Einen Schein hatte ich auch nicht mehr.

Warum messen wir Reichtum nicht an dem, auf was wir verzichten können, warum nicht an unserem Wissen? Verehrern wir Geld, weil wir es nicht besser wissen? Weil uns Gott von Anfang an zum Handel und Landerwerb verurteilt hat? Hätte jeder Geld, gäbe es folglich kein übersteigertes Bedürfnis danach.
Geld muss man nicht verehren, vor allem, wenn man keins hat. Bringt nichts. Jene, die Geld haben, werden es garantiert nicht verehren, sie lassen es für sich Arbeiten. Aber sollen sich Menschen nur weiter nach Cent-Stücken bücken, sich klein machen, auf der Straße aufheben, was andere fallen haben lassen. Spätestens nach 100.000 Jahren werden sie merken, dass sie immer noch keine Millionäre geworden sind. Ich wünsche ihnen viel Erfolg und Glück beim Streben nach Reichtum, denn jeder kann reich werden, aber es dauert halt.

Nee, es bringt nichts. Mit Kleingeld aufsammeln ist noch keiner reich geworden. Auch dann nicht, wenn man jeden Cent, den man jemals als Rückgeld bekommen hat, den man jemals von der Straße aufgehoben hat, in irgendwelchen Schalen sammelt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, die Gefäße werden mit den Jahren nur unnötig schwer, wertvoller wird der Inhalt dadurch aber nicht. Am besten ist es, die Cent-Stücke liegen zu lassen, es lohnt sich nicht. Genau so wenig wie stundenlang an der Supermarkt-Kasse zu diskutieren, ob der ausgezeichnete Preis 10 Cent weniger war, als er letztendlich gezahlt hat. Reich ist so oder so noch keiner geworden.
Trotzdem diskutieren viele lieber stundenlang an der Kasse um ein paar Groschen, verschwenden wertvolle Minuten mit dem Prüfen des Kassenzettels, unterschreiben aber blind alle Verträge, die ihnen Versicherungsunternehmen oder der Bank ihres Vertrauens vorlegen. Würden sie die verlorene Zeit an den Kassen sinnvoller nutzen und stattdessen das Kleingedruckte lesen, könnten sie bestimmt mehr sparen als ein paar Cent im Supermarkt.

Drei Euro siebzehn. Hab ich nicht. Ich hab nur drei Euro sechzehn. Passt das nicht? Ich kann Ihnen den einen Cent morgen gleich in der Früh vorbeibringen, auf dem Weg nach Hause werde ich bestimmt einen auf der Straße finden.

Wenn der Mann klug ist, legt er den gefunden Cent zu 1 %-Zins auf sein Sparbuch. Einer seiner Nachkommen wäre dank Zinseszins immerhin schon nach nur 1852 Jahren Millionär, vorausgesetzt er findet eine Bank, die noch 1 %-Zinsen p. a. gewährt. Aber wie heißt es doch so schön? Was lange währt, wird endlich gut!

Was soll's. Ich war daheim, zog meine Schuhe aus, ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank, in der Hoffnung etwas zum Essen zu finden. Nichts drin. Mit einem Pfennig wäre ich zwar nicht reich geworden, aber zumindest hätte ich was zum Essen gehabt. So eine blöde Kuh. Sie hätte mir den Cent ruhig erlassen können. Ach ja, es war gestern, nicht vorgestern. Ganz sicher!