Benjamin Berndt ({ungeskriptet} by Ben) hat Björn Höcke viereinhalb Stunden reden lassen, und Millionen haben zugehört. Was darauf folgte, war helle Aufregung. Der Spiegel fragte, wer diesem Mann eine solche Plattform biete; die Frankfurter Rundschau warnte, er könne sich „als ganz normal“ präsentieren; andernorts rechnete man nach, wie viel dabei zu verdienen war. Über das, was Höcke sagte, erfuhr man wenig. Über den Kanal, der es ungefiltert hinaustrug, sehr viel.
Wer um eine Sache fürchtet, widerlegt sie. Wer um seine Stellung fürchtet, fragt, wer senden darf. Die Aufregung galt nicht den Sätzen, sondern dem Umstand, dass sie an den Redaktionen der Wahrheitshüter vorbei ihr Publikum fanden. Keine Einordnung, keine Gewichtung, kein Zurechtrücken. Nur Bühne ohne Zwischenschritte, ohne Meinungshüter.
Denn was eine Gesellschaft über die Welt zu wissen glaubt, erfährt sie durch Nachrichten. Wer Nachrichten verbreitet, besitzt nicht nur ein Publikum, sondern die Hoheit, den Rahmen vorzugeben, in dem sie zur Wirklichkeit gegossen werden – und mit ihr die Meinung, die man zu haben hat. Ein Format, das vier Stunden lang auf diesen Rahmen verzichtet, ist deshalb eine Provokation. Keine inhaltliche, eine strukturelle: Es führt vor, dass der Zwischenschritt verzichtbar ist.
Berndt hat sich die Reichweite genommen, ohne den üblichen Tribut zu leisten. Er hat kein journalistisches Gelübde abgelegt und will auch gar keines ablegen. Genau deshalb wird er zum Problem. Wer außerhalb des etablierten Systems steht, aber trotzdem Millionen erreicht, nimmt denjenigen etwas weg, die es als ihr alleiniges Recht betrachten: die Kontrolle darüber, wer öffentlich sprechen darf.
Dabei ist das weiche, nachfragearme Langgespräch längst Standard – nur an anderer Stelle. Im öffentlich-rechtlichen Talk darf der Minister von seinem Hobby erzählen, in den endlosen Interviewpodcasts der großen Häuser plaudern sich Politiker nahbar; eine nachträgliche Erläuterung verlangt dort niemand. „Nahbar“ heißt das Format, wenn der Gast genehm ist. „Gefährlich“ heißt dasselbe Format, wenn er es nicht ist. Der Maßstab wandert nicht mit der Methode, sondern mit der Person.
Nicht jede Kritik daran ist Machtpolitik. Aber wer ein Monopol verliert, nennt den Verlust selten beim Namen – er nennt ihn Verantwortung, Einordnung, Schutz der Öffentlichkeit. Das klingt besser und erfüllt denselben Zweck.
Ginge es wirklich um die Verfassung, wäre längst das Strafrecht am Zug. Gegen Volksverhetzung, gegen verbotene Symbole, gegen das Verharmlosen der NS-Verbrechen gibt es klare Gesetze; für die SA-Parole, die er benutzt hat, wurde Höcke verurteilt – durch ein Gericht, nicht durch einen Hinweis. Das ist der dafür vorgesehene Weg. Wenn aber eine Landesmedienanstalt nachträglich verlangt, ein Podcaster möge eine falsche, doch straflose Aussage seines Gastes „einordnen oder korrigieren“, dann geht es nicht mehr um das Strafbare, sondern um das Ungefilterte als solches. Verfolgt wird nicht die Tat. Verfolgt wird das Fehlen des Filters. Gegen ein solches Fehlen aber gibt es kein Gesetz – nur einen Hinweis.
Mit echter Mündigkeit hat das wenig zu tun. Sie würde dem Publikum zutrauen, ein vierstündiges Gespräch selbst zu gewichten. Stattdessen wird die Sorge um die Bürger zur Sorge um den eigenen Kontrollverlust. Meinungsfreiheit wirkt dabei zunehmend wie ein netter Unterpunkt im Saatgutverkehrsgesetz – kurz drübergelesen und schon verdrängt, sobald sie unbequem wird.
Bild erstellt mit Grok
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