DurchGedacht

Ich weiß nicht, warum ich in letzter Zeit immer wieder über Textstellen von George Orwell stolpere? Obwohl er „1984“ doch bereits vor etwa 70 Jahren geschrieben hat.

„Wir müssen Energie sparen, für den Krieg, der dem Frieden dient. Der Strom wird jetzt abgeschaltet.“

 

titelt die FAZ. Weiter unten im Text unter der Überschrift „Die Sprache bildet das Denken ab“ das: „Der ideologische Fehlschluss besteht darin, dass davon ausgegangen wird, das Denken könne durch die Sprache verändert werden, während es sich eigentlich umgekehrt verhält: Die Sprache bildet das Denken ab. Erst ein verändertes Denken oder zum Beispiel neue technische Errungenschaften bringen eine neue Sprache hervor. Das Beispiel der Sprachschöpfungen rund um Handy und Computer zeigt das eindrucksvoll – und es zeigt auch, wie leicht dabei Teile der Bevölkerung abgehängt werden.

Drittens das komplette Durcheinander in der Diskussion selbst: Oft wird Gender mit sexueller Orientierung gleichgesetzt, schießen politische LGBTQ-Aspekte in die Diskussion hinein, obwohl die Genderforschung ursprünglich nur untersuchte, inwiefern geschlechtstypisches Verhalten angeboren oder anerzogen ist (sie beantwortete diese Frage, indem sie zwischen biologischem und sozialem Geschlecht unterschied; Geschlechterrollen sind demnach soziale Setzungen und somit auch sozial veränderbar).“

Ich bin da etwas hin und her gerissen. Denn „Sprache ist mächtiger als das Schwert“ und kann auch ausgezeichnet für Manipulation verwendet werden. Und was beeinträchtigt unser Denken mehr als Manipulation?

 

Krieg ist falsch. Jeder, überall, immer. Und alles, was darauf aufbaut, bleibt somit auch falsch. Das weiß ich. Was ich nicht weiß: Tragen Waffenlieferungen wirklich zu Linderung von Leid bei? Keine der vielen Diskussionen diesbezüglich sorgte bei mir für Klarheit. Obgleich ich den Eindruck habe, unsere Massenmedien haben alles dafür getan, mich für Waffenlieferungen zu begeistern. Aber egal, wie ich es drehe oder wende, in Kriegen sterben Menschen. Unabhängig davon, was in ihren Papieren steht. Das sollten wir nicht vergessen. Ich weiß auch nicht, ob Moral - „unserer Moral“ - in Kriegen anwendbar ist und wenn ja, wie? Wobei ich mir jedoch ganz sicher bin, ein Recht auf Frieden sollte völkerrechtlich stets Thema bleiben.

Ich weiß nicht, wie klug es zur jetzigen Zeit ist, einen russische Denker zu zitieren. Doch was wahr ist, ist einfach wahr. Selbst wenn es unwahr sein mag, dass Fjodor Michailowitsch Dostojewski folgendes jemals gesagt haben soll, unwahrer wird die Aussage dadurch nicht, oder?
„Die Toleranz wird ein solches Niveaus erreichen, dass intelligenten Menschen das Denken verboten wird, um Idioten nicht zu beleidigen.“

 

Auszüge aus einem Interview mit Helmut Schleich:

„Darf ich darüber lachen, auch wenn’s lustig ist?“ […] „Das Wort [Kabarett] ist inzwischen ja durch konsequentes Framing beschmutzt, aber quer zu denken ist die ureigenste Aufgabe des Kabaretts – gesellschaftlich, politisch, privat. Die Dinge überhöhen, verdrehen und bis zur Kenntlichkeit zu verschwurbeln, das ist doch unser grundlegendstes Handwerkszeug. Wir müssen unsichere Kantonisten sein und keine Palastwächter.“ […] „Je enger das Denken wird, umso steuerbarer wird die Gesellschaft. Letztlich sind genau das die Pfade, auf denen Totalitarismus jeder Art daherkommt.“

 

Deniz Yücel:

„Ich habe vor allem die Verhältnismäßigkeit kritisiert […] das Verbot von Medien. Ich finde es wirklich befremdlich, wie leichtfertig offenbar auch in der westlichen Welt Grundrechte außer Kraft gesetzt werden können. Ich glaube nämlich, dass es zu der Stärke einer liberalen Gesellschaft gehört, auch extremistische Medien, auch Staatspropaganda, auch - ich muss das so deutlich sagen - Scheißdreck aller Art aushalten zu können. Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger nicht davor schützen, nicht vor Telegram schützen. Ein Staat, der als Gouvernante auftritt und seine Bürgerinnen und Bürger vor bösen Einflüssen beschützen möchte, das ist eine Eigenschaft autokratischer Regime, die für liberale Demokratien eigentlich nicht passt. Denn die Pressefreiheit ist - wie alle Grundrechte - unteilbar. Sie gilt entweder oder sie gilt nicht.
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