Man nennt sie Herrschaft des Volkes. Aber das Volk herrscht nie als Ganzes. Es herrscht immer nur ein Teil von ihm über den anderen. „Volk” nennt sich die Mehrheit, wenn sie alle meint. Wer überstimmt wird, gehört in diesem Augenblick nicht dazu. Demokratie ist nicht die Herrschaft des Volkes über sich selbst – sie ist die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit. Das ist kein moralisches Problem. Das ist Mathematik.
Die Demokratie räumt dem Wähler das Recht ein, sie abzuschaffen – und der Politiker muss auch dann gehorchen. Das ist ihre Krux. Es ist die Freiheit, mit der sie sich selbst aushebelt. Dagegen gibt es keinen Schutz. Jede andere Herrschaftsform verteidigt sich gegen ihr Ende; die Demokratie muss es offenhalten. Sie ist die einzige Ordnung, die das Recht auf ihre eigene Abschaffung mitliefert. Das ist keine Lücke im System. Das ist das System.
