Medien brauchen ihre Feinde
Die großen Medienhäuser warnen inzwischen fast täglich vor „Desinformation", „Verschwörungserzählungen" und den Gefahren alternativer Medien. Alternative Medien wiederum warnen vor „Systemmedien", Propaganda und manipulativen Narrativen. Beide Seiten inszenieren sich als letzte Verteidiger der Wahrheit. Und beide leben davon, dass die jeweils andere Seite existiert. Denn genau in diesem Konflikt entstehen Aufmerksamkeit, Reichweite, Identität – und damit Macht.
Süßes für alle, Thesen für keinen
Halloween. Ja, lasst uns Halloween feiern. Lasst die Kinder auf die Straßen, lasst sie wie kleine Landstreicher an fremden Türen klingeln und Gaben einfordern. Süßes, sonst Saures. Lasst uns vergessen, was an diesem Tag wirklich geschah.
Worauf steht die Schildkröte?
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- Jochen
- Vorbeigedacht!
In Sachen Religion bin ich Atheist. Da glaube ich fest dran. Bei Wahrheiten bin ich Agnostiker. Da habe ich mich entschieden. Ich schätze, so genau wie möglich. Doch wann ist eine Wahrheit wirklich wahr — und wird zu Wissen? Wahrheiten sind Wahrscheinlichkeiten, selten hundert Prozent.
Den Kölner Dom habe ich gesehen. Ich war drinnen, ich habe ihn angefasst. Dass er existiert, steht für mich außer Frage. Jedenfalls zu den Öffnungszeiten — außerhalb existiert in Deutschland bekanntlich nichts.
Aber schon beim Eiffelturm muss ich anderen glauben. Ich war nie dort. Ich kenne ihn aus Bildern, Berichten, Erzählungen. Es gibt für mich keinen vernünftigen Grund, an ihm zu zweifeln. Es ist nur ein anderer Weg, etwas für wahr zu halten.
Zeitweise
Wir gewinnen eine Stunde durch die Zeitumstellung –
und verschwenden einen Tag damit, Uhren nachzustellen.
Die wahre vierte große Kränkung
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- Jochen
- Vorbeigedacht!
So viel wurde über die vierte Kränkung nachgedacht. Doch keiner hat es auf den Punkt gebracht.
Freud hat drei gezählt. Kopernikus nahm uns die Mitte des Weltalls, Darwin die Sonderstellung im Tierreich, und er selbst dann die Hoheit über den eigenen Kopf. Drei Erkenntnisse, drei Ohrfeigen, sauber verteilt. Seither wird nachgelegt. Die vierte sei, dass uns die Technik über den Kopf gewachsen ist. Oder das Internet, das Freiheit versprach und Überwachung lieferte. Oder die Natur, die sich nicht in dem Zustand halten lässt, der uns genehm wäre. Ein Physiker hat die Liste vorsichtshalber gleich auf zehn verlängert.
Nichts davon ist eine Kränkung. Nicht einmal Freuds erste.
Gleich, so gleich
Ich musste pinkeln. Dringend. Das Haus der Kunst war nah.
Dort gab es dafür bis vor Kurzem nicht nur eine bewährte Vorrichtung, sondern auch eine ziemlich simple: zwei Türen, Männer links, Frauen rechts, und hinter der linken Tür eine Reihe Pissoirs, an denen ein Mann sich hinstellt, seine Sache erledigt und wieder verschwindet. Schnell, wortlos, funktional — ein Pissoir ist kein Denkmal.
Grüner wird's nicht
„Grüner wird's nicht", sagte meine Mutter jedes Mal, wenn mein Vater an der Ampel in Gedanken versunken war und die Grünphase verpasste. Grün heißt: fahr. Rot: warte. So einfach war damals die Welt, als Symbole noch Bedeutung hatten.
Heute ist alles nachhaltig. Verpackungen, Geschäftsberichte, Ladesäulen, Wahlprogramme. Das Signal steht auf Grün. Dauergrün. Nur … keiner fährt los.
Kolonialismus frei Haus
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- Jochen
- Voll gedacht!
Ich habe wirklich nichts dagegen, dass Menschen aus der globalen Niedriglohn-Sphäre (Migranten) uns die Jobs wegnehmen. Wirklich nicht. Im Gegenteil: Irgendwer muss die Drecksarbeit ja machen.
Gestern hat mir ein Inder das Essen gebracht. Burger lauwarm, Pommes kalt, Getränke warm. Also exakt die Art von Qualitätsversprechen, die man bekommt, wenn man alles möglichst billig und möglichst schnell haben will. Ich war kurz irritiert. Sollten Inder nicht wenigstens bei ihren Kernkompetenzen bleiben?
Glaubensbekenntnisse
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- Jochen
- Voll gedacht!
Je schlechter es einem Volk geht, desto hungriger greift es nach Glauben. Nur dass der Glaube heute nicht mehr in die Kirchenbänke führt, sondern in zwei neue Richtungen. Beide mit modernen Heilsversprechen, aber wie schon damals: gottlos. Unversöhnlich gegeneinander. Die Guten errichten sich eine Kirche aus Moral, Sprache und unantastbaren Wahrheiten – mit Hohepriestern, die predigen, und Gemeinden, die brav blöken. Doch Lärm ist nicht Wahrheit. Und weil die Bösen das nicht mehr hören können, flüchten sie vor dieser Kanzel und zimmern sich dabei gleich eine eigene – aus Nation, Heimat und gesundem Menschenverstand. Mit Propheten, die geifern, und Gemeinden, die brav grölen. Gut oder Böse – oder andersrum. Beides dieselbe Fluchtbewegung – der Altar ein bunterer, der Weihrauch ein blauerer.
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