Die großen Medienhäuser warnen inzwischen fast täglich vor „Desinformation", „Verschwörungserzählungen" und den Gefahren alternativer Medien. Alternative Medien wiederum warnen vor „Systemmedien", Propaganda und manipulativen Narrativen. Beide Seiten inszenieren sich als letzte Verteidiger der Wahrheit. Und beide leben davon, dass die jeweils andere Seite existiert. Denn genau in diesem Konflikt entstehen Aufmerksamkeit, Reichweite, Identität – und damit Macht.
„Grüner wird's nicht", sagte meine Mutter jedes Mal, wenn mein Vater an der Ampel in Gedanken versunken war und die Grünphase verpasste. Grün heißt: fahr. Rot: warte. So einfach war damals die Welt, als Symbole noch Bedeutung hatten.
Heute ist alles nachhaltig. Verpackungen, Geschäftsberichte, Ladesäulen, Wahlprogramme. Das Signal steht auf Grün. Dauergrün. Nur … keiner fährt los.
Eine Befürchtung
Die Zukunft fährt elektrisch, und das ist auch gut so. Endlich gibt es ein Auto, bei dem das Gewissen mitlädt. Zweieinhalb Tonnen sauberer Fortschritt – aber wer will schon kleinlich sein und nachrechnen, was zweieinhalb Tonnen gutes Gewissen wirklich kosten? Im selben Glauben stimmt zu Hause die Wärmepumpe selbstgefällig in den Gesang der Hohenpriester ein. Besser wird nichts. Nur alternativloser.
Vorweg, damit niemand den falschen Text liest: Das hier ist keine Werbung. Die AfD wird nichts besser machen. Unser System ist korrupt, versumpft, die Sozialsysteme verrecken bei laufendem Betrieb — und die AfD ist kein Gegenentwurf dazu. Sie ist Teil desselben Spiels. Wer das Folgende als Sympathieerklärung liest, hat es nicht gelesen.
Es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie Demokraten mit ihr umgehen. Und ob dieser Umgang noch demokratisch ist.
Liebe pseudo-intellektuellen Gutmenschen,
wir haben einen Deal. Keinen „bio-vegan-regional-in-15-Minuten-zu-erreichen“-Deal aus der Hipster-Boulangerie, sondern den Urvertrag unserer Gesellschaft: Wir arbeiten. Wir zahlen Steuern. Und der Staat liefert dafür ein System, das weitgehend funktioniert. Das ist zumindest der Entwurf.
Doch die Realität wirkt zusehends wie ein Karikatur: Wir zahlen, der Staat tanzt.
Während die neue Moralelite im Privatjet zum Klimagipfel fliegt und dort erklärt, dass wir auf unser Auto verzichten müssen, arbeitet der Rest der Bevölkerung tatsächlich noch – und das nicht in Zoom-Calls mit Avocado-Toast, sondern in Jobs, bei denen man um 4:30 Uhr aufsteht und wirklich irgendwo hin muss.
Benjamin Berndt ({ungeskriptet} by Ben) hat Björn Höcke viereinhalb Stunden reden lassen, und Millionen haben zugehört. Was darauf folgte, war helle Aufregung. Der Spiegel fragte, wer diesem Mann eine solche Plattform biete; die Frankfurter Rundschau warnte, er könne sich „als ganz normal“ präsentieren; andernorts rechnete man nach, wie viel dabei zu verdienen war. Über das, was Höcke sagte, erfuhr man wenig. Über den Kanal, der es ungefiltert hinaustrug, sehr viel.
„Lügenpresse“ ist ein Kampfbegriff. Ein zu oft missbrauchtes Wort. Ein grobes Etikett, das zwar beschreibt, aber auch zuschlägt. Dem will ich mich nicht anschließen.
Unabhängig davon, das Problem bleibt.
Denn ja: Die Presse lügt.
Ein Regierungschef sitzt in einer großen Talkshow – als das, was er ist: Amtsträger, aber auch Privatmann. Und er attackiert die Pressefreiheit.
Er wettert gegen regierungskritische Medien. Also die wirklich regierungskritischen.
Es fallen Worte wie „faktenfrei“, „Gegner der Freiheit“ oder „Feinde der Demokratie“.
Dann die harmlos klingende Nachfrage, ob es nicht „Verbot“ oder „Zensur“ brauche.
Ein knappes „Ja“ füllt den Raum – und kaum hat der Politiker eben diesen Raum verlassen, heißt es, das sei natürlich ganz anders gemeint gewesen. Irgendwas mit „sozialen Medien“. Die seien ohnehin asozial.
Weiterlesen: Wenn der Privatmann sich an Grundrechten verschluckt
