Wir leben in einer Zeit, in der Meinungen nicht mehr ausgetauscht, sondern ausgeräumt werden. Wer nicht exakt meiner Ansicht ist, gilt nicht als Gesprächspartner, sondern als Feind, der auch nicht davor zurückschreckt, arme Dörfer wie die Ukraine zu überfallen. Früher sagte man: „Ich sehe das anders.“ Heute heißt es: „Blockiert. Gemeldet. Gelöscht.“ Die neue Meinungsfreiheit besteht darin, die Meinung der anderen zu hassen.
Das Jahr hat eine neue Zahl. Für Menschen, die zählen können, ist das eine unbeirrbare Logik – wie der Verschleiß, der uns weiter abnutzt, obwohl wir längst stehen geblieben sind. Die Realität wird auf eine fortlaufende Ziffer reduziert, damit sie handhabbar wirkt. Altlasten wandeln sich unbemerkt in Neulasten.
Deutschland kann alles – vor allem Moral auf zwei Empörungsskalen gleichzeitig betreiben.
Ein Politiker sagt „Alles für Deutschland“. Historisch vergiftet, sagt man nicht. Ergebnis: Skandal, Anzeigen, Distanzierungen, Feuilleton-Notfallsitzung.
Person X nennt Impfgegner den „Blinddarm der Gesellschaft“. Historisch mehr als vergiftet. Aber X legt nach: Wer eine gewisse Partei wählt, handle gegen „deutsche Interessen“ – und hasse seine eigenen Kinder. Ergebnis: Applaus, Preise, Anerkennung.
Bei jedem Softwareupdate, bei jeder Anmeldung im Netz dieselbe Farce: Akzeptieren Sie die AGB. Welch Triumph der Freiheit! Ich darf zustimmen – oder draußen bleiben. Ein Wahlrecht wie in der DDR – formal da, praktisch bedeutungslos.
Fett und träge sind wir geworden. Nicht nur körperlich, geistig. Wir lebten zu lange, zu gut von den Früchten, die unsere Eltern und Großeltern unter großen Entbehrungen gepflanzt haben. Viele von ihnen haben im Kampf um bessere Arbeitsrechte gelitten.
Sie demonstrierten, sie streikten.
Sie forderten kürzere Arbeitszeiten, sichere Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung und politische Teilhabe – oft auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Freiheit und ihres Leben. Ihre Kämpfe führten zur Gründung von Gewerkschaften, zu Arbeitszeitgesetzen und einem System sozialer Sicherheit.
Sind wir im Denken wirklich weiter als die Menschen zu Aristoteles’ Zeiten – oder nur besser im Schönreden? Er nannte den Sklaven damals noch ein „beseeltes Werkzeug“.
Wie verwerflich!
Zweitausend Jahre Weiterentwicklung später heißen diese Werkzeuge „Mitarbeitende“, „Team-Member“, gar „Leistungsträger“. Schöne Worte, aber in der Bilanz sind sie lediglich eine Kostenstelle.
Alle wollen heute auf der richtigen Seite stehen.
Moral ist kein Wert mehr, sondern Werbefläche.
Man trägt sie wie ein Designer-Shirt – glänzend, sauber und völlig überteuert.
Empörung ersetzt Nachdenken, Haltung ersetzt Inhalt.
Die neue Tugend heißt Zustimmung – alles andere gilt als Makel.
Wer fragt, gilt als gefährlich. Wer widerspricht, als verdächtig.
Moral ist zum Spektakel geworden: laut, kurzatmig, selbstverliebt.
Wer kennt die Szene an der Ampel nicht? Motor abgestorben. Der Hintermann hupt und blendet auf. Rücksicht hingegen wäre leise: fünf Sekunden Geduld – mehr bräuchte es nicht. Doch diese Zeiten sind vorüber. Blitzgewitter und Dauervibrato sind ständige Begleiter im Straßenverkehr. Na klar, „viel hupen hilft viel“ – vor allem beim Vorankommen.
