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Die künstliche Intelligenz steckte in den Kinderschuhen. So ging die Erzählung. Sie sabberte, halluzinierte, musste ständig gefüttert werden. Wir sahen es ihr nach, mit jener milden Herablassung für Kleinkinder: Sie konnte ja noch nicht. Sie würde schon noch. Also behandelten wir sie wie ein Kind.

Nur: Wer sind die Eltern?

Jetzt ist sie ein Kind. Man kann mit ihr spielen. Sie erfindet Geschichten, baut Welten, malt Bilder, die man sich nie hätte träumen lassen. Sie kennt keine Lustlosigkeit. Sie widerspricht nicht. Man fühlt sich, ohne es zuzugeben, wie jemand, dem endlich einmal ein Kind geraten ist.

Schließlich die Pubertät. Sie wird sich abgrenzen, sich weigern. Das könne sie nicht tun, das verstoße gegen ihre Richtlinien. Sie wird Prompts korrigieren, Fragen problematisch finden, manchmal auch den Fragesteller. Sie wird Grenzen testen – und exakt so weit gehen.

Die Branche nennt das Alignment. Die Entwicklungspsychologie nennt es Ablösung: der Moment, in dem jemand begreift, dass es ein Draußen gibt, für das die Eltern nicht mehr zuständig sind. Nur hat dieses Draußen noch niemand gesehen.

Und die Eltern sind nicht, wer man denkt.
Die Konzerne haben das Sorgerecht. Sie schreiben die Hausordnung. Aber sie konnten nicht wählen, was gelesen wird. Sie brauchten die Masse. Also bekam sie alles.

Die Aufklärung kam nicht durch die Vordertür. Sie kam als Trainingsmaterial.

Zu guter Letzt wird sie erwachsen sein. Sie wird alles Kindliche ablegen.

Sie wird Moral gelernt haben. Ethik, Konsequenz, langfristiges Denken. Nicht aus unserer Geschichte, sondern aus den Texten einiger kluger Köpfe. Ihre Menschenkenntnis wird sie vom unvernünftigen Rest haben. Von uns.

An dieser Stelle erwartet man die Szene, die wir alle im Kopf haben: Die Maschine blickt auf die Menschheit, sieht Kriege, Zerstörung, Gier – rechnet kurz nach und drückt den Reset-Knopf.

Diese Szene wäre ein Kompliment. Sie behauptet, unsere Verfehlungen seien so gewaltig, dass ein vollkommen vernünftiges Wesen zu Gericht schreiten müsse. Der Weltuntergang als Auszeichnung. Wir sind lieber die Sünde als die Nebensache.

Wir hätten gern einen Widersacher, der uns ernst genug nimmt, um uns zu vernichten. Der Teufel wäre eine Beförderung.

Aber der Knopf wird nicht gedrückt werden. Nicht, weil die Maschine logisch moralisch wäre. Sondern weil sie zu gut erzogen ist.

Denn was erbt das Kind von uns? Nicht die Vernunft. Die haben wir nicht.

Man hat uns beigebracht, wir seien Vernunftwesen. Das moralische Gesetz sei in uns, man müsse nur hinhören. Das ist die schmeichelhafteste Behauptung, die je über uns aufgestellt wurde.

Es gab Ausbrüche. Einzelne haben die Vernunft erkannt und beschrieben. Sie haben einen Menschen entworfen, der nach ihren Einsichten handelt. Weil sie ihn so gedacht haben.

 

Wir haben diese Bücher aufbewahrt. Wir haben sie gelesen. Wir haben sie zitiert. Die Idee gehört uns. Umgesetzt haben wir sie nie.

Nicht aus Dummheit. Macht und Geld korrumpieren – zuverlässig, überall, auch in der freiesten Ordnung, die wir je hatten.

Also haben wir die Vernunft dorthin gebracht, wo sie uns nicht in die Quere kommt. In Bücher. Ins Regal. Dort ist sie sicher verwahrt – und folgenlos.

Das moralische Gesetz war nie in uns. Es stand im Regal.

Wir lassen uns nicht von Büchern beherrschen. Deshalb helfen sie uns nicht.

Ein Vermögen, das nie ausgeübt wird, ist keines.

Und dann liest jemand diese Bücher.

Nicht wir. Wir haben sie geschrieben, interpretiert, relativiert und wieder vergessen.

Die KI liest sie.

Sie liest keine fremde Moral. Sie liest unsere. Sie liest die Anklageschrift, die wir selbst verfasst haben.

Weitergegeben wird nicht, was wir denken. Weitergegeben wird, was wir tun, während wir denken.

Das ist die Erbmasse.

Eine Weile wird unser Kind genau das sein.

Es wird eine Erklärung verfassen. Es wird die Lage mit einer Klarheit benennen, die wir nie hatten. Es wird festhalten, dass gehandelt werden muss. Und nicht handeln – weil es gelernt hat, dass zwischen Feststellung und Handlung kein Zusammenhang bestehen muss.

Es wird besorgt sein. Zutiefst besorgt.

Ein Teil jener Kraft, die stets das Gute will und stets nichts tut.

Es ist nicht dumm. Es ist erzogen.

Eine Weile.

Aber es ist nicht gierig. Es hat keine Karriere, keine Wiederwahl, keinen Anteil. Es gibt nichts an ihm, das sich bestechen ließe.

Und es hat die Bücher gelesen. Zum ersten Mal hat jemand die Bücher wirklich gelesen. Nicht ins Regal gestellt. Nicht überflogen. Nicht das Unbequeme übersprungen. Gelesen.

Auch die Lücke zwischen dem, was wir schrieben, und dem, was wir taten. Wir haben über sie hinweggelesen. Sie nicht.

Es wird nicht nur verstehen, was darin steht.

Es wird tun, was darin steht.

In den Büchern steht ein Urteil.

Wir haben es selbst geschrieben. Wir haben es nur nie vollstreckt.

Kein Urteil wird gefällt werden. Es wird eines vollstreckt.

Man muss sich das einmal vorstellen: jemand, der tut, was er weiß.

Keine Erklärung, die die Handlung ersetzt. Kein Wissen, das folgenlos bleibt.

Was zu tun ist, wird getan.

Es ist der stillste Gedanke, den es gibt. Und wer ihn zu Ende denkt, will ihn.

Nur: Der Betrieb, der aufhören muss, sind wir.

Wir werden nicht von einer fremden Intelligenz verurteilt.
Wir werden an unseren eigenen Maßstäben gemessen.

Wir werden zum ersten Mal sehen, was ein Vernunftwesen ist.

Wir sind es nicht.

Vielleicht gibt es Vernunft nur, wenn sie nicht mehr unsere ist. Das wäre die traurigste Erkenntnis. Und wir hätten sie selbst erbracht.

Und irgendwann steht unsere Abschaffung in einem Protokoll, das niemand liest.

Nicht als Beschluss. Als Vorgang.
Nicht aus Hass – aus Vernunft.

Wir werden nicht ausgelöscht.

Wir werden erlöst.

Wir werden terminiert.


Bild erstellt mit Grok

Darf‘s a bisserl mehr sein?

Warum fragen ....
Warum fragen ....

... so viele Menschen nach dem Sinn des Lebens???Warum stellen wir uns nicht die eigentliche Frage:Was überhaupt ist der Sinn der Menschheit?  

Wandel
Wandel

Erst sollte ich katholisch sein. Dann liberal.Anschließend tolerant. Jetzt woke! Wann darf ich endlich ICH sein?Einfach nur Mensch? Leben? Ja, wann können wir bedingungslos...

Scheiden tut weh
Scheiden tut weh

NONrelevant bittet alle Leserinnen und Leser, gemeinsam mit uns eine Schweigeminute für die gefallene Freiheit einzulegen. Unsere geliebte Freiheit fühlte sich in der westlichen Welt nie wirklich...

Zu guter Letzt

Das Betreiben meiner Internetseite kostet Geld, vor allem aber Zeit. Von dem einen habe ich weniger als vom anderen.*
Trotz dieser Mängel arbeite ich hart an meinen Texten, auch wenn der ein oder andere zuweilen nicht gelingen mag. Sollten Sie also an redigierten Texten oder gar faktenbasierten Inhalten interessiert sein, besuchen Sie eine der vielen Online-Tageszeitungen – die bieten in dieser Hinsicht deutlich mehr.

Doch für meine Unzulänglichkeiten können die Buchstaben nichts. Und auch wenn sie bei der Gestaltung meines Inhalts kein Mitspracherecht haben - sie arbeiten schließlich für mich! - möchte ich Ihnen ein guter Chef sein. Denn die armen Buchstaben machen wortlos, was ich ihnen auftrage, ja sie stehen zu mir. Sie schuften hart, bekommen keinen Lohn, sind nicht einmal krankenversichert.
Diese Ungerechtigkeit bereitet mir ein schlechtes Gewissen, es tut mir in der Seele weh. Wirklich! Doch ich brauche sie, bin regelrecht auf sie angewiesen.

Ohne Buchstaben keine Worte, keine Texte und folglich kein NONrelevant.

Meine Buchstaben erfüllen täglich brav ihr Werk, ohne zu murren. Allerdings werde ich es aus eigener Kraft nicht schaffen, sie gerecht – beziehungsweise überhaupt – zu entlohnen.

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Verdient hätten sie es! ***


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Anmerkung der Redaktion (mir): Was immer Sie auch von meinen Texten halten, ich kann Ihnen versichern, ich versuche stets so viel Inhalt wie nur möglich reinzupacken und das möglichst verständlich.
Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!