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Auto von hinten, die Ampel steht auf Grün, Fahrer und Beifahrerin reden statt loszufahren.

„Grüner wird's nicht", sagte meine Mutter jedes Mal, wenn mein Vater an der Ampel in Gedanken versunken war und die Grünphase verpasste. Grün heißt: fahr. Rot: warte. So einfach war damals die Welt, als Symbole noch Bedeutung hatten.

Heute ist alles nachhaltig. Verpackungen, Geschäftsberichte, Ladesäulen, Wahlprogramme. Das Signal steht auf Grün. Dauergrün. Nur … keiner fährt los.

Grün ist ein Lebensgefühl geworden. Und Gefühle haben selten etwas mit Realität zu tun. Aber Hauptsache, es fühlt sich richtig an.

Die Firmen produzieren jedes Jahr mehr, natürlich viel nachhaltiger als im Vorjahr. Die Politik applaudiert und reicht die Umweltverschmutzung an den Bürger weiter: Er solle doch gefälligst so nachhaltig leben, wie die Konzerne es versprechen. Vom Konzern selbst verlangen sie nichts.

Erst wollte die Ampel dem Häuslebauer die Öl- und Gasheizung austreiben, zum Schutz des Planeten. Dann kam die CDU und kippte das Gesetz wieder. Das Gas kommt weiter — über Umwege. Nur nicht direkt aus Russland, das wäre näher, billiger und klimafreundlicher, aber moralisch unerträglich. Russland ist böse. Also kaufen wir bei den friedfertigen Amerikanern, lassen das Gas fracken und von riesigen Tankern um die halbe Welt schippern. Ethisch unbelastet.

Und das Öl? Kommt aus Saudi-Arabien. Auch kein Musterdemokrat, aber moralisch offenbar tragbar. Anders als Russland. Dass ihre Bomben und die ihrer amerikanischen Freunde öfter fallen als alles aus Moskau, stört dabei nicht. Hauptsache, sie fallen weit genug weg.

Das alles ist jetzt nicht unbedingt besser, aber zumindest unterstützen wir keinen bösen Diktator. Wir kaufen das Gas und Öl lieber von den Guten. Wer sie beliefert – unter anderem Russland – spielt kaum eine Rolle. Was uns nicht täglich gezeigt wird, legen wir moralisch erstaunlich flexibel aus.

Die Grünen wiederum seien entsetzt, was für ein Umweltsünder der kleine Mann doch sei, und verteuerten die Rohstoffe so lange, bis sich der Mittelstand die Verschmutzung nicht mehr leisten kann. Wem das Benzin zu teuer werde, der solle sich halt ein Elektroauto kaufen.

Der elitäre Großstädter tut genau das: schiebt sich einen 2,5-Tonnen-SUV vor die Garage und fühlt, wie die Umwelt um ihn herum aufatmet. Wer sich so ein umweltfreundliches Auto nicht leisten kann, hat immer noch die Freiheit zu verzichten. Währenddessen achtet die FDP vor allem darauf, dass kein Tempolimit kommt, den Rest regelt der Markt. Die SPD war auch dabei.

Der Staat – unter Führung von SPD / Grünen (und jetzt halt CDU und SPD) – nimmt eine CO2-Steuer … weil jedes Menschenleben zählt. Und genehmigt im selben Atemzug Rüstungsexporte für Milliarden, notfalls an alle Kriegsbeteiligten … weil jedes Menschenleben doch zählt. Ein Widerspruch? Nur wenn man hinschaut. Man muss das Kriegsgerät eben gewissenhaft beschaffen. Dann töten wir mit reinem Gewissen, CO2-kompensiert. Mehr Humanismus geht kaum.

Nonrelevante Zertifikate – Umweltverschmutzung outsourcen

In Glasgow wurde beschlossen, weniger CO2 auszustoßen, nachdem der Gipfel selbst mehr davon in die Luft geblasen hatte als die halbe Stadt in einem Jahr. Umweltschutz gilt eben für jeden. Für manche Schweine mehr als für andere Tiere.

Weniger ausstoßen heißt nicht weniger. Es heißt woanders. Der Trick heißt Outsourcing. Der Elektroschrott, den wir erzeugen, „entsorgen“ wir fachgerecht in Zentralafrika. Das Balsaholz für unsere Rotorblätter kommt aus Ecuador, dafür fallen ganze Wälder. Für unsere Biotomaten werden ganze Landstriche planiert. Wir schieben unseren Dreck dorthin, wo ihn niemand sieht. Bauen um uns eine Mauer aus Zertifikaten und guten Gefühlen. Damit es in unserem Landstrich schön grün bleibt. Hauptsache, es fühlt sich richtig an. Und was an Dreck übrig bleibt, den fächeln unsere Windräder wie riesige Ventilatoren dem Nachbarn zu.

Man muss nur lernen, es endlich nachhaltig zu sehen. Die Märkte produzieren so umweltfreundlich, und wir Konsumenten zerstören das mit unserem bösen Kaufverhalten. Kreislauf-Wirtschaft heißt das oder so ähnlich.

Die Konzerne verschmutzen weiter — das bestreiten sie längst nicht mehr. Klimaschutz wird uns nun als Produkt angedreht. Unsere tägliche Schuld als Serviceleistung. Die Bekämpfung ist der Markt. Der reguliert das schon. Und die Menschen kaufen noch mehr, damit ihr Gewissen noch reiner wird. Ablass als Abo-Modell.

Und ich? Ich kaufe, weil ich sein möchte. Ich werfe weg, weil ich vergessen möchte. Solange wir kaufen, wird produziert. Solange produziert wird, wird zerstört. Und solange wir uns dabei gut fühlen, wird sich daran nichts ändern. Egal wie grün und nachhaltig wir dabei konsumieren. Alles gut.

Wir sind nicht das Opfer der Produktion. Wir sind ihr Motor. 

Fahr zu, grüner wird's nicht.


Bild erstellt mit Copilot

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Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!