Eine Wahrheit, eine Wissenschaft, eine Meinung
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Eine Wahrheit, eine Wissenschaft, eine Meinung

Über die Rückkehr des Absoluten

Wir halten uns für aufgeklärt, für vernünftig, für modern. Wir glauben, wir hätten Gott hinter uns gelassen, die Kirche entmachtet, den Weihrauch endlich aus den Köpfen geblasen. Doch der Mensch ist ein gläubiges Wesen geblieben.

Vielleicht glaubt er nicht mehr an den christlichen Gott, zumindest nicht mehr in alter Form, aber er glaubt weiterhin. Er glaubt an die wahren Medien, an die einzige Wissenschaft, an Moral, an das Klima, an Geld, an die Experten, an Faktenchecks und an die tägliche Verlautbarung der einzig zulässigen Wirklichkeit.

Wo einst Altäre standen, thronen heute Schlagzeilen, Studien und die immer gleichen Gesichter in den immer gleichen Gesprächsrunden. Der Anspruch des Absoluten kehrt zurück. Eine Wahrheit, eine Wissenschaft, eine Meinung, eine Schlagzeile. Alles andere wird aussortiert, etikettiert, lächerlich gemacht oder gleich exkommuniziert. Nicht mehr von der Kirche, sondern von Öffentlichkeit, Plattform und Milieu.

Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen. So heißt es im ältesten aller Glaubensdramen (Hiob 1,21). Doch vielleicht stimmt gerade das nicht. Vielleicht hat der Mensch es Gott gegeben – und seitdem gelingt es ihm nicht, es ihm wieder abzunehmen.
Der Monotheismus mag schwinden, der Impuls zu glauben bleibt. Und wo ein Gott verschwindet, entstehen erfahrungsgemäß viele neue. Der alte metaphysische Glaube wird ersetzt durch weltliche Heilslehren. Das ist nicht automatisch verkehrt. Gefährlich wird es dort, wo diese Heilslehren absolut werden, wo sie nicht mehr als vorläufige Orientierung auftreten, sondern als endgültige Offenbarung.

Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung, Nachrichten in „einfacher Sprache” anzubieten. Gewiss, man kann darin einen inklusiven Impuls sehen. Aber es steht eben auch sinnbildlich für eine Tendenz, die weit über Sprachvermittlung hinausgeht. Ansprüche sinken, statt Fähigkeiten zu steigern. Wird Sprache nur noch so weit vereinfacht, bis niemand mehr stolpert, verlieren wir nicht nur Nuancen, sondern auch Differenzierung. Dumm zu reden erklärt noch kein Wissen. 

Statt mehr Geld und Zeit ins Bildungssystem zu investieren, machen wir lieber alles andere dümmer. So fällt es weniger auf. Wenn etwas zu schwierig ist, kommt jemand, der es noch weniger kann, und erklärt dem Rest, wie es trotzdem funktionieren soll. Das Zeitalter der Dilettanten hat begonnen, und manche feiern es auch noch als Fortschritt.

Gleichzeitig beanspruchen die klassischen Medien, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zu den alten Leitblättern, zunehmend Deutungshoheit. Einst hieß das Ideal Objektivität, so schwer erreichbar sie auch war. Inzwischen werden Reporter für die Wahrheit ausgezeichnet. Wer die Wahrheit besitzt, muss sie nicht mehr suchen – und braucht Einwände nicht mehr zu prüfen.

Kritik wird nicht als Beitrag verstanden, sondern als Angriff. Widerspruch erscheint nicht mehr als notwendiger Bestandteil einer lebendigen Öffentlichkeit, sondern als Störung des Sendebetriebs. Dabei wäre es gerade Aufgabe der Presse, Komplexität auszuhalten, statt sie glattzubügeln. Widerspruch sichtbar zu machen, statt ihn zu verdrängen. Die eigene Vorläufigkeit auszusprechen, statt Wahrheiten zu verordnen.

Doch genau daran fehlt es. Schrumpfende Redaktionen sorgen für schrumpfende Recherchen aus dem eigenen Haus. Artikel werden von Agenturen zugekauft. Man liest oft weniger Vielfalt als Variation desselben Grundtons. Dazu kommen die Logik der Aufmerksamkeitsmärkte, der Druck zur moralischen Positionierung und die Angst, aus dem Kanon des Anständigen zu fallen. Wer gegen den Strom schwimmt, riskiert Standing, Reichweite und manchmal auch gleich den Platz am Mikrofon. Die alteingesessenen Medien haben Angst. Angst um ihr Alleinstellungsmerkmal, um ihre Glaubwürdigkeit, um ihre Gelder, Angst davor, dass sie die Meinungshoheit verlieren könnten.

Nicht jede Lüge besteht in einer falschen Behauptung. Die elegantere Form der Lüge besteht im Weglassen. Ein geschickter Journalist muss gar nichts Falsches schreiben. Es genügt, entscheidende Teile der Wirklichkeit sauber auszublenden, so dass am Ende zwar kein einzelner Satz objektiv falsch ist, das Gesamtbild aber dennoch schief hängt.

Die Versuchung ist groß, die eine Seite zu kritisieren, indem man die andere zum Gegenbild überhöht. Wer die Verzerrungen sozialer Medien beklagt, tut so, als sei damit schon die Seriosität der Leitmedien erwiesen. Wer Populisten kritisiert, klingt oft so, als wäre ihr Gegenüber deshalb automatisch staatsmännisch. Aber das eine folgt aus dem anderen nicht. Beide Befunde können gleichzeitig zutreffen – und tun es meistens auch. 

Es mag sein, dass gewisse Themen richtig dargestellt werden. Aber dadurch werden andere Themen nicht unrichtig. Das Weglassen ist Teil der Lüge. Vielleicht sogar ihr kultiviertester Teil.

Während Corona, beim Klima, im Ukrainekrieg schien plötzlich alle Welt alles zu wissen. Politiker, Redaktionen, Experten und ein Pferdedoktor. Diese Wissensillusion ist dabei alles andere als harmlos. Der Chor der Gewissheiten übertönte den Zweifel. Dabei ist Wissenschaft kein Dogma, sondern Methode. Hypothesen, Falsifikation, Revisionsbereitschaft, Streit. Wer das vergisst, ersetzt Erkenntnis durch Katechismus. Wird Wissenschaft unantastbar, ist sie nicht länger Wissenschaft, sondern Ideologie. Philosophie ist ein stilles Gespräch mit dem Zweifel. Die Kirche ein lautes Versprechen, dass der Zweifel längst erledigt sei. Und heute? Wissenschaft und Politik sprechen oft im selben Ton – nur mit moderner Beleuchtung. Dann heißt es nicht mehr: Prüfe, ob es stimmt. Dann heißt es nur noch: Glaube, was gesagt wurde. Und wehe, du zweifelst.

Historisch ist uns dieses Muster nicht unbekannt. Die Kirche beanspruchte über Jahrhunderte die Wahrheitshoheit. Ketzerei wurde verfolgt, Exkommunikation trennte die Reinen von den Unreinen. Heute agieren Faktenchecks nicht selten wie moderne Missionare. Das Instrument an sich mag sinnvoll sein – natürlich braucht es Korrekturen, Einordnungen, Präzisierungen. Gefährlich wird es dort, wo die Einordnung selbst mit Absolutheit auftritt, wo Diskurs durch Deutung ersetzt wird und Zweifel nicht mehr als produktive Haltung gilt, sondern als moralischer Makel. Wenn Institutionen, ob mediale, politische oder akademische, sich für unfehlbar halten, werden sie zu Glaubenssystemen. Dann ersetzt Inquisition die Diskussion und Cancel Culture die Auseinandersetzung.

Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsste hier eine andere Rolle spielen. Er sollte nicht Gesinnungsführer sein, sondern Vermittler. Nicht moralischer Erzieher, sondern verlässlicher Anbieter von Breite, Widerspruch und Tiefe. Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der meint, er müsse das Volk nicht informieren, sondern sittlich anleiten, verfehlt seinen Auftrag. Dann wird aus Berichterstattung Besserwisserei und aus Öffentlichkeit pädagogische Oberaufsicht.

Der Klimawandel ist dabei ein besonders heikles Feld. Real, dringlich und ernst, aber mancherorts moralisch so aufgeladen, dass aus nüchterner Politik eine Art Sündenverwaltung wird. Ablasshandel statt Strukturwandel. Wer ein Elektroauto kauft, hat sich freigekauft – egal, woher der Strom kommt. Moralischer Eifer statt kluger Abwägung. Wer kritische Fragen stellt, gerät rasch unter Ketzerei-Verdacht. Die Moral selbst wird zur Waffe. Kreuzzüge der Reinheit ersetzen Kompromisse. Geld ist ohnehin seit jeher ein Gott geblieben. Unsichtbar, allgegenwärtig, unanständig mächtig. Und die Medien schließlich sind Priester der Gegenwart. Wahrheit erscheint dabei immer öfter nicht mehr als Ergebnis eines offenen Diskurses, sondern als Besitz. Sie wählen aus, was als Realität zu gelten hat. Ihre Rituale heißen Breaking News, Leitartikel und Talkshow. Gemeinsamer Nenner all dieser neuen Götter ist der Absolutismus. Sie werden gefährlich, sobald sie sagen: Du sollst keine anderen neben mir haben.

Demokratie lebt aber vom Streit. Nicht vom Geschrei, nicht vom Hass, nicht von der bloßen Empörung, sondern vom geordneten, argumentativen, neugierigen Streit. Genau davon entfernen wir uns. Kritische Stimmen werden diffamiert statt diskutiert. Oft sitzen dieselben Gesichter in denselben Runden und bestätigen sich wechselseitig ihre Vernünftigkeit. Missliebige Gäste werden ausgeladen oder gar nicht erst eingeladen. Abweichungen werden mit Etiketten versehen. Rechts. Esoterisch. Antisemitisch. Verschwörungsgläubig. Das mag im Einzelfall sogar stimmen. Aber oft dient es nur als Diskursersatz. Man muss sich dann nicht mehr mit dem Gesagten beschäftigen, sondern nur noch mit der moralischen Sortierung des Sprechenden.

Das Ergebnis ist Spaltung. Menschen ziehen sich in bestätigungsstarke Informationsräume zurück. Der Mitte droht Verhärtung. Oder schlimmer: Sie radikalisiert sich, gerade weil sie sich selbst für vernünftig hält. Das geschieht nicht durch laute Parolen, sondern leise, durch die stete Verengung dessen, was noch als sagbar gilt. Wer jeden Widerspruch zur eigenen Position für extrem erklärt, rückt selbst an den Rand, ohne es zu merken. Mäßigung wird zur Maßlosigkeit, sobald sie sich für alternativlos hält. Was, wenn die Mitte extrem wird? Dieser Gedanke ist unerquicklich, aber notwendig. Nicht nur die Ränder können dogmatisch werden. Auch die Mitte kann es, vielleicht sogar besonders gut, weil sie ihre eigene Verhärtung hinter Ausgewogenheit, Sachlichkeit und Anstand versteckt. Der Kritiker ist heute nur dann ein Held, wenn er weit weg ist, oder wenn er lange genug tot ist. Blicken wir in die Vergangenheit, bewundern wir Dissidenten. Blicken wir in andere Länder, feiern wir Regimekritiker. Nur hier und heute scheint es schick zu sein, Kritiker zu diffamieren und ihnen moralisch das Bürgerrecht abzuerkennen.

Sprache ist dabei nicht unschuldig. Sprache ordnet Wirklichkeit. Wer Begriffe monopolisiert, regiert. Wer festlegt, was als Hass gilt, was als Hetze, was als Desinformation, was als Wissenschaft, was als Verantwortung, der regiert nicht nur Worte, sondern auch den Rahmen des Sagbaren. Das zeigt sich auch am Begriff der Pflicht. In Kants Sinn ist Pflicht selbstgegeben, Ausdruck der Mündigkeit. Heute wird aus Eigenverantwortung oft Befehl. Aus Verantwortung wird Zwang. Legitimiert natürlich durch „die” Wissenschaft oder „die” Moral. So entsteht Gehorsam, nicht Urteilskraft. Und dann nennt man Zwang auch noch Tugend.

Wir exportieren diese Haltung gern in die Welt, heute nicht mehr mit dem Schwert, sondern mit Sanktionen und moralischer Belehrung. Oft ist daran etwas Berechtigtes. Oft aber ist es auch blind für kulturelle Kontexte, historische Unterschiede und die eigenen Interessen. Wie die Kreuzritter früher wollen wir anderen unsere Moral aufdrücken, nur eben humaner, versteht sich. Man schlägt nicht mehr mit Eisen zu, sondern mit Haltung.

Warum sind wir dafür so anfällig? Weil Menschen Rituale brauchen, Halt, Erzählungen, Orientierung. Verlustängste, soziale Abstiege, ökologische Krisen, geopolitische Unsicherheiten erhöhen die Bereitschaft, sich einer Heilslehre anzuvertrauen. Wissensillusion lindert Angst. Wer glaubt zu wissen, muss nicht mehr zweifeln. Doch ohne Zweifel verlernt eine Gesellschaft das Lernen. Wissenschaft stirbt dort, wo man sie nur noch rezitiert.

Vielleicht liegt hier auch ein Problem der Moderne. Wir haben Gott verabschiedet, aber die Struktur des Glaubens beibehalten. Mehr noch, wir haben sie den Institutionen überlassen. Und die neuen Institutionen sind oft kälter als die alten. Deshalb muss unterschieden werden zwischen Glaube und Institution. Die Kirche ist nicht dasselbe wie Glaube. Sie war und ist auch eine Machtform, ein Apparat, eine Organisation mit Interessen, Hierarchien und einem erstaunlichen Talent, Gott in den Verwaltungsdienst der eigenen Zwecke zu stellen. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Glaube notwendig in Unterwerfung enden muss. Vielleicht ist nicht Religion als solche das Problem, sondern der absolute Anspruch von Institutionen, die sich an die Stelle des Gewissens setzen. Jesus sprach von Liebe, Begegnung, Nähe, nicht vom Rundfunkrat, nicht vom Faktencheck, nicht von der moralpädagogischen Selbstermächtigung des Gegenwartsmenschen. Nicht der Glaube korrumpiert notwendig, sondern seine Organisation als Macht.

Deshalb wäre es zu billig, nun einfach die klassischen Medien gegen die alternativen auszutauschen, als tausche man nur den Beichtstuhl. Auch alternative Medien können dogmatisch werden. Auch sie haben ihre Erregungsökonomie, ihre Feindbilder, ihre eigene Liturgie der Bestätigung. Das Problem ist nicht, ob etwas im Öffentlich-Rechtlichen, in der Zeitung, im Blog oder auf Telegram erscheint. Das Problem beginnt dort, wo ein Lager behauptet, die ganze Wirklichkeit gepachtet zu haben. Und doch sind alternative Medien nicht aus dem Nichts entstanden. Sie verdanken ihren Aufstieg auch den Leerstellen der klassischen. Sie leben von dem, was andere weglassen, weichzeichnen oder gar nicht erst anfassen. Sie sind also nicht einfach die Lösung, wohl aber ein Symptom. Wie beim Buchdruck: Damals begann die Wahrheit zu bröckeln, als Menschen selbst lesen konnten. Heute beginnt sie zu bröckeln, weil Menschen selbst veröffentlichen. Das ist unordentlich. Aber Chaos ist nicht das Gegenteil von Wahrheit. Es ist oft nur der Anfang von Freiheit.

Es braucht also keine neue Kirche, keine neue moralische Avantgarde, keine neue Klasse von Erleuchteten. Was es braucht, ist etwas viel Unspektakuläreres und gerade deshalb Schwierigere: die Rückkehr zum Gespräch. Zum wirklichen Gespräch. Nicht zum ritualisierten Schlagabtausch, nicht zur Talkshow mit vorab sortierten Rollen, nicht zur öffentlichen Hinrichtung unter dem Banner der Tugend. Sondern zu jenem fragenden, tastenden, unbequemen Sprechen, das die Griechen Mäeutik nannten. Nicht belehren, sondern fragen. Nicht aussortieren, sondern prüfen. Nicht verurteilen, sondern sich mit dem Gegenüber auseinandersetzen.

Vielleicht brauchen wir einen Glauben an Möglichkeiten statt an Gewissheiten. Eine Ethik der intellektuellen Redlichkeit. Eine Kultur der Streitlust ohne Feindseligkeit. Institutionen, die Widerspruch nicht nur dulden, sondern schätzen. Freiheit ohne Grenzen verführt zur Ideologie, Grenzen ohne Freiheit zur Tyrannei. Dazwischen liegt Mündigkeit.

Ein Irrtum unserer Zeit besteht darin, zu glauben, Hass und Hetze kämen immer nur von der anderen Seite. Als ob die eigene Seite rein bliebe, sobald sie sich auf das Gute, Gerechte und Fortschrittliche beruft. Doch Hass bleibt Hass, auch wenn er korrekt formuliert, historisch sensibilisiert und moralisch bestens ausgeleuchtet daherkommt. Ideologien bekämpft man nicht mit Gegenideologien. Hass nicht mit Hass. Auch dann nicht, wenn sie sich das Etikett der Tugend anheftet. Der neue Moralismus lebt von der frommen Selbsttäuschung, nur die anderen seien fanatisch. Nur die anderen glaubten. Wir selbst hingegen seien bloß aufgeklärt. Gerade darin liegt die gefährlichste Blindheit.

Es ist zutiefst demokratiefeindlich, sich einer einzigen Wahrheit, einem einzigen Experten, einer einzigen Moral zu unterwerfen. Glaube ist privat. Wissen entsteht öffentlich, im Streit. Die Mühen der Aufklärung waren nicht umsonst. Wir entscheiden, ob wir ins Mittelalter der Dogmen zurückkehren oder eine offene, lernfähige Gesellschaft bauen wollen. Eine endgültige Wahrheit wird es vielleicht erst geben, wenn wir selbst Gott geworden sind. Bis dahin bleibt uns nichts anderes, als zuzuhören, zu widersprechen, zu verlernen und neu zu lernen.

Und wenn es zum Schluss doch noch ein Bild braucht, dann vielleicht dieses: Früher schlug man 95 Thesen an Kirchentüren. Heute müsste man sie womöglich an das Hauptstadtstudio nageln. Nicht weil dort das Böse wohnt. Sondern weil sich auch dort, wie überall, Macht nur ungern daran erinnern lässt, dass Wahrheit kein Besitz ist, sondern Streit.

 

Wer bis hierhin gelesen hat und sich fragt, worauf sich diese Gedanken stützen: ein paar Hinweise, Quellen und weiterführende Texte habe ich im Anhang zusammengestellt. Nicht vollständig. Aber ausreichend, um sich selbst ein Bild zu machen.

Anhang: Quellen, Hinweise und Widerspruchsmaterial

1. Primärquellen

Das Zitat „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt” stammt aus dem Buch Hiob (1,21). Die darin angelegte Glaubensprobe, die sogenannte Hiob-Wette zwischen Gott und dem Satan, findet sich in den Versen 1,6 bis 1,12. Nachzulesen u.a. bei der Deutschen Bibelgesellschaft: https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/JOB.1

Der Pflichtbegriff, wie ich ihn im Text aufrufe, bezieht sich auf Immanuel Kants *Grundlegung zur Metaphysik der Sitten* (1785). Pflicht ist bei Kant nicht Befehl von außen, sondern Ausdruck einer Mündigkeit, die sich ihre Maxime selbst gibt. Volltext u.a. bei Projekt Gutenberg-DE.

Die Schlussanspielung verweist auf Martin Luthers *95 Thesen* (1517), die er der Überlieferung nach an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug. Online dokumentiert etwa unter: https://www.luther.de/95thesen/

2. Klassiker zur Vertiefung der Grundargumente

Wer die These vom Weglassen als eigentlicher Form der Lüge weiter denken möchte, findet bei Walter Lippmann, *Public Opinion* (1922, dt. *Die öffentliche Meinung*), die klassische Grundlage. Lippmanns Begriff der „pictures in our heads” beschreibt genau jene Wirklichkeitskonstruktion, die ich im Essay meine.

Edward Bernays, Neffe Sigmund Freuds und einer der Begründer der modernen PR, hat in *Propaganda* (1928, dt. *Propaganda: Die Kunst der Public Relations*) von der „bewussten und intelligenten Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen” geschrieben. Ein Text, den man einmal gelesen haben sollte, bevor man sich über die priesterliche Rolle heutiger Medien wundert.

Bertrand Russells *Why I Am Not a Christian* (Vortrag 1927, Sammelband 1957) ist weniger als religionskritische Polemik interessant, sondern für Russells Unterscheidung zwischen institutioneller Religion und individuellem Gewissen. Diese Unterscheidung liegt meinem Argument zugrunde, dass nicht der Glaube als solcher das Problem ist, sondern seine Organisation als Macht.

Für die These, dass Wissenschaft Methode ist und nicht Dogma, ist Karl Popper einschlägig: *Logik der Forschung* (1934) für die Falsifikation als Kern wissenschaftlicher Erkenntnis, *Die offene Gesellschaft und ihre Feinde* (1945) für den politischen Gegenentwurf zu geschlossenen Weltanschauungen.

Robert K. Merton hat 1942 in *The Normative Structure of Science* die vier Normen formuliert, die als CUDOS bekannt geworden sind: Kommunalismus, Universalismus, Uneigennützigkeit und organisierter Skeptizismus. Ein Maßstab, an dem sich zeigen lässt, wann Wissenschaft sich selbst verrät.

Besonders empfehlen möchte ich Hannah Arendts Aufsatz *Wahrheit und Politik* (1967). Arendt unterscheidet dort zwischen Tatsachenwahrheit und Meinung und beschreibt, wie mächtig das gezielte Weglassen in politischen Zusammenhängen wirkt. Wer den Absatz zur eleganteren Form der Lüge in diesem Essay überzeugend findet, wird bei Arendt denselben Gedanken in philosophisch strengerer Form wiederfinden.

3. Belege zu den im Essay angesprochenen Fällen

Tagesschau in Einfacher Sprache

Das Angebot startete im Juni 2024 und ist nach Angaben der ARD das erste tagesaktuelle Fernsehnachrichtenangebot dieser Art in Deutschland. Die offizielle Seite findet sich unter https://www.tagesschau.de/multimedia/podcasts/tagesschau-in-einfacher-sprache/

Die ARD begründet das Angebot damit, dass etwa 17 Millionen Erwachsene in Deutschland Probleme haben, komplexe Texte zu verstehen. Eine differenzierte Analyse, die auch kritische Stimmen aus der gesellschaftlichen Debatte einbezieht, hat das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft im Juni 2025 unter dem Titel „Online echoes: the Tagesschau in Einfacher Sprache” veröffentlicht: https://www.hiig.de/en/?p=108897

4. Der Pulitzer-Sonderpreis 2022

Im Mai 2022 vergab das Pulitzer-Board einen Sonderpreis („special citation”) an die ukrainischen Journalistinnen und Journalisten. In der offiziellen Begründung heißt es, ausgezeichnet werde ihr „Mut, ihre Ausdauer und ihr Engagement für wahrheitsgetreue Berichterstattung” während der russischen Invasion. Die Preisverwalterin Marjorie Miller sprach bei der Verleihung davon, dass „die Wahrheit unter Beschuss” stehe.

Die offizielle Begründung beim Pulitzer-Board: https://www.pulitzer.org/winners/journalists-ukraine

Die deutschsprachige Berichterstattung, etwa der Deutschen Welle, hat diesen Sonderpreis weitgehend im Rahmen dieses Wahrheits-Vokabulars eingeordnet — von „Mut, Ausdauer und Engagement” bis zur Verteidigung der Wahrheit gegen Propaganda. Ein Beispiel: https://medienwoche.ch/2022/05/10/pulitzer-preis-fuer-ukrainische-presse/

Mich interessiert an diesem Fall weniger die Ukraine-Berichterstattung selbst — an der Tapferkeit der dortigen Journalisten besteht kein Zweifel. Mich interessiert die sprachliche Verschiebung, die dahintersteht. In der Schule habe ich gelernt, Journalismus habe sich an Objektivität zu orientieren, wohl wissend, dass niemand sie ganz erreicht. Wird hingegen „wahrheitsgetreue Berichterstattung” zur preisreifen Tugend, rückt der Anspruch ein gutes Stück weiter: Wahrheit ist dann nicht mehr das, wonach gesucht wird, sondern das, was verkündet wird. Genau diese Verschiebung meine ich im Text.

5. Der Fall Reitschuster

Der Journalist Boris Reitschuster wurde 2022 vom Mitgliederausschuss der Bundespressekonferenz ausgeschlossen, nachdem der Redaktionssitz seiner Website nach Montenegro verlegt worden war. Reitschuster selbst deutet den Ausschluss als politische Reaktion auf seine kritischen Fragen zur Corona-Politik. Die Gegenseite verweist auf die Satzung der BPK, nach der Mitglieder für ein in Deutschland ansässiges Medium arbeiten müssen.

Die Sicht des Berufsverbandes: Deutscher Journalisten-Verband, „Fakten überflüssig”: https://www.djv.de/news/blog/blog-detail/fakten-ueberfluessig/

Die Selbstdarstellung Reitschusters: https://reitschuster.de/post/meine-rueckkehr-zur-bundespressekonferenz/

Der Bericht im Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/bundespressekonferenz-schliesst-boris-reitschuster-aus-4297378.html

In denselben Zusammenhang gehört der Fall Florian Warweg (*Nachdenkseiten*), dem der Zugang zur Bundespressekonferenz zunächst verweigert wurde und der ihn schließlich gerichtlich erstreiten musste. Die taz hat den Vorgang dokumentiert: https://taz.de/Diskussion-um-BPK-Mitglied/!5863113/

Man muss weder Reitschuster noch Warweg zustimmen, um zu sehen, dass in beiden Fällen die Frage aufgeworfen ist, welche Stimmen an welche Mikrofone gelassen werden und wer darüber entscheidet.

6. Das Compact-Magazin

Im Juni 2024 verbot die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser das rechtsextreme Compact-Magazin per Vereinsverbot. Bereits im August 2024 setzte das Bundesverwaltungsgericht das Verbot vorläufig aus. Am 24. Juni 2025 hob dasselbe Gericht das Verbot rechtskräftig auf (Aktenzeichen BVerwG 6 A 4.24).

Die Begründung des Gerichts ist gerade für den hier verhandelten Zusammenhang wichtig: Die Inhalte seien „überwiegend nicht verfassungswidrig”, und die verfassungsfeindlichen Positionen seien „nicht prägend” für das Magazin. Der Vorsitzende Richter betonte, dass Meinungs- und Pressefreiheit auch den „Feinden der Freiheit” zustehen.

Die Reaktion des Bundesinnenministeriums: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/06/gerichtsurteil.html

Die Urteilszusammenfassung bei ZDFheute: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/compact-bundesverwaltungsgericht-pressefreiheit-100.html

Die juristische Einordnung bei Legal Tribune Online: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/compact-magazin-nicht-verboten

Ich zitiere diesen Fall nicht, weil ich Compact in Schutz nehmen wollte. Sondern weil hier ein Gericht, nicht eine Redaktion und nicht ein Ministerium, den Grundsatz verteidigt hat, dass Pressefreiheit auch dort gilt, wo einem der Inhalt nicht gefällt. Ein Grundsatz, der in einer lebendigen Demokratie eigentlich selbstverständlich sein müsste.

 7. Weiterführend

Für das Stichwort Wissensillusion lohnt der Blick auf Dan Kahan (Yale) und seine Arbeiten zur *identity-protective cognition*, ergänzend dazu Daniel Kahneman, *Schnelles Denken, langsames Denken* (2011). Für das Prinzip der Skepsis als Tugend bleibt Montaignes Frage „Que sais-je?” — Was weiß ich? — eine der schönsten Orientierungen, die die europäische Geistesgeschichte zu bieten hat.

8. Zur Quellenauswahl

Die hier versammelten Quellen stammen bewusst aus verschiedenen Richtungen: institutionelle Quellen wie BMI und Bundesverwaltungsgericht, etablierte Medien wie Tagesspiegel, ZDF und taz, Rechercheportale wie Correctiv und netzpolitik.org, Fachpublikationen wie LTO und DJV, und, wo sie zur Sache gehört, die kritisierte Gegenseite selbst. Das ist kein Zufall. Wer argumentiert, dass Diskursverengung ein Problem ist, sollte nicht selbst nur aus einer Ecke zitieren. Sonst fällt der Vorwurf, den dieser Essay an andere richtet, postwendend auf ihn zurück.


Bild erstellt mit ChatGPT

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