Böses Wort!
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Böses Wort!

Es gibt im Deutschen Wörter, die sind böse. Eins davon beginnt mit N und endet – je nach Tagesform der Empörung – irgendwo zwischen „Empörungskult“ und „Totalitarismus“. Ein Wort, das nicht gesagt werden darf, weil… ja, weil es ein Wort ist. Denn wir leben in der Epoche, in der nicht mehr Inhalte gefährlich sind, sondern Buchstaben.

Kontext? Nebensache! Hauptsache, böse Silben stehen unter Quarantäne. Wörter dürfen nicht mehr benutzt werden, weil sie ein Verbrechen begangen haben. Einmal semantisch falsch abgebogen … lebenslanges Sprechverbot – ohne Bewährung, ohne Richter. Der Buchstabe als Gefährder. Willkommen in einer Gesellschaft, in der Vokabeln zu Straftätern erklärt werden.

Und das Absurde: Wir tun so, als hätten wir damit etwas gelöst. Als wären wir nach dem Tilgen eines Begriffs moralisch freigesprochen. Wir haben das Wort unkenntlich gemacht, es zum Schweigen gebracht. Ja, das ist die Lösung. Und als nächstes beten wir ein Ave Maria – das hilft bestimmt genauso viel.

Die Kirche hat damals übrigens auch gedacht, man könne Probleme wegmeißeln, indem man den Statuen die G-Wörter abschlägt. Heutzutage schlägt man selbstverständlich nichts mehr ab, wir sind ja zivilisiert! Da fällt mir gerade ein, G ist gar kein Wort. G ist ein Punkt.

Der moderne Moralapostel ändert nichts an der Realität, er amputiert Silben. Und fühlt sich danach wahnsinnig fortschrittlich. Die Debatte wird zum Minenfeld: Ein Schritt daneben, und du bist kein Mensch mehr, du bist das andere N-Wort (Nazi!). Moral als Typografie: Wer ausschreibt, ist böse. Wer auspunktet, ist gut. Wer gar nicht mehr spricht, ist vorbildlich.

Wo soll das enden? Im N-Sprech aus Orwells Roman „1-Wort“? In einer Welt, in der wir die Welt nur noch mit einem Buchstaben beschreiben, damit niemand merkt, dass wir nichts mehr beschreiben? Vielleicht verbieten wir konsequenterweise gleich alle S-Wörter, also alle Substantive. Worte sind problematisch. Gedanken erst recht. Dann bleibt nur noch das sichere, sterile „Ähhhh“.

Aber wer entscheidet eigentlich, welches Wort künftig noch „böse“ ist? Ein demokratisch legitimiertes Gremium? Ein Ethikrat? Eine Kommission für gefährliche Vokale? Oder doch die S-Polizei – Entschuldigung: die Sprach-Polizei. Die patrouilliert dann durchs Feuilleton und konfisziert missliebige Buchstaben. Hausdurchsuchung im Dudenregal: „Haben Sie dieses Synonym angemeldet?“

Das Ergebnis sehen wir längst: Artikel, die sich inhaltlich um ein Wort drehen, das im Artikel nicht vorkommen darf. Journalismus als Rätselheft: „Ein Begriff, fünf Buchstaben.“ Der Leser darf dann mitraten wie beim Glücksrad: „Ich kaufe ein N.“ Applaus! Alle gerettet, Rassismus besiegt. 

Die unbequeme Wahrheit: Ein Wort ist keine Tat. Es kann eine Tat begleiten, legitimieren, tarnen – klar. Aber es ist eben auch ein Werkzeug, ein Zitat, eine historische Referenz, ein Diagnosebegriff, ein Beleg. Wer das alles in einen Topf wirft und dann den Topf verbietet, kocht am Ende gar nichts mehr – außer Symbolpolitik.

Dazu passt, wie verlässlich im öffentlichen Raum aus Worten sofort Identität wird: Ein falsches Wort – und schwupps, Person fertig etikettiert. Man kann doch nicht so tun, als sei ein einzelnes Wort schlimmer als die Verbrechen des Nationalsozialismus. Und genau hier zeigt sich der Empörungsreflex der modernen Debatte: Aus einer Sprachfrage wird in Sekunden eine Gesinnungsfrage. Das Wort ist kaum draußen, da steht das Urteil schon fest – Etikett drauf, Denken vorbei.

Wir haben eine Debattenkultur entwickelt, die lieber markiert als argumentiert. Der moralische Reflex ist schneller als der Gedanke. Und das ist praktisch! Denn wer markiert, muss nicht mehr zuhören. Wer ein Etikett drauf klebt, kann sich die Mühe sparen, den Inhalt zu lesen. Sprache wird zum Stolperstein, nicht zum Gespräch.

Und während wir uns in unserer moralerschöpften Gesellschaft über böse Worte erregen, passiert im Hintergrund das, was wirklich tragisch ist: Die Medien übernehmen den Kram ungefiltert. Presseagentur rein, Denken raus, Moral drauf, fertig. N-Wort im Münchner Merkur und im RND. N-Wort bei ntv sowie der Stuttgarter Zeitung. Überall dasselbe: nicht mal mehr eine eigene Formulierung, nur noch ein copy-and-paste-fähiger Empörungsbaustein mit eingearbeiteter Selbstzensur. Wenn das so weitergeht, endet unsere vielbeschworene Sprache der Dichter und Denker in der „Tagesschau in Neusprech – ’tschuldigung – in einfacher Sprache“. Und das will ja nun wirklich keiner!

So entsteht eine hübsche neue Realität: Wir reden nicht mehr darüber, warum Menschen etwas sagen, sondern nur noch über die bösen Worte. Wem sie schaden, ist uns doch schlicht scheißegal – Hauptsache, am Layout erkennt jeder sofort, wer zu den Guten gehört. Der Diskurs wird zur Typografiefrage. Moral als Layout-Entscheidung.

Und am Ende stehen wir da, geschniegelt und gepunktet, mit sauberer Sprache – aber schmutziger Wirklichkeit. Wir haben zwar das Wort aus dem Satz entfernt, doch nicht den Rassismus aus der Welt, nicht die Ignoranz aus den Köpfen, nicht die Bequemlichkeit aus den Redaktionen. Das eigentlich Dramatische an diesem Gesellschaftsstück ist ja, wie brav die Redaktionen das Theater mitspielen: einmal N-Wort für alle – überall derselbe moralische Empörungsruf, überall derselbe Textbaustein. Und während wir Buchstaben bannen, bleibt das Eigentliche unangetastet: Vorurteile, Macht, Ausgrenzung, Ignoranz.

Mit dem Verbot von Wörtern lösen wir keine Probleme – wir kürzen sie nur ab. Moral: Haken dran. Wirklichkeit: beschissen wie zuvor. Die Gesellschaft, die Wörter fürchtet, duckt sich am Ende auch vor Taten weg.


Illustration: KI-Grafik (GPT-5), 2026

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