Eine Lesebrille ist für mich nun nicht mehr nur ein Gegenstand. Es ist ein Eingeständnis, ein bitteres. Ich werde alt. Nicht, dass ich mich beschweren will, so alt bin ich nun auch nicht. Aber alt genug, um zu sehen, wohin die Reise gehen wird. Und ich stehe erst am Anfang. All die Wehwehchen, die jetzt nur zwicken, werden garantiert nicht besser.
Ich halte kurz inne, blicke zurück, nach vorn. Der Weg ist vorgegeben. Ich muss ihn gehen. Keine Rückkehr zur Jugend. Allein der zu lange Blick in diese Richtung würde mich in eine Salzsäule verwandeln. Also gehe ich weiter. Immer zu.
Unterwegs rufen mir Menschen zu: „Bleiben Sie einfach wie Sie sind!“ Ja, schön wär’s. Bleib ich ja nicht. Ich werde älter. Und das Absurde: Irgendwie fühlt es sich nach Alltag eines Jugendlichen an, der sich immer mehr zum Drama wandelt. Langsam, schleichend.
Was für ein Scheiß. Ich stehe hier am Bahnsteig, schaue dem Zug von damals hinterher. Der nächste … ein Bummelzug. Ich werde meine Jugend nie wieder einholen. Immerhin kann ich sitzen. Nicht zu verachten im Alter. Während wir so langsam vor uns hintuckern, finde ich Trost.
Ich weiß nun, warum die Sehstärke nachlässt: Damit ich die Fältchen meiner Partnerin nicht erkenne – und sie immer noch so jung wirkt wie vor 20 Jahren. Alter ist kein Defekt, das ist ein eingebauter Liebesfilter der Natur.
Nicht nur mein Körper, sondern auch mein Geist sagt mir: Details sind überbewertet, Hauptsache Empfindung. Und während ich also immer weniger sehe, sehe ich plötzlich genau das, was zählt: Die Schönheit. Sie bleibt mir vertraut, auch wenn alles andere sich verändert.
Zen-buddhistisches Atmen hilft übrigens auch nicht gegen das Altern. Es beruhigt höchstens den Puls, nicht jedoch die Erkenntnis. Ich werde älter. Vielleicht ist das die Pointe: Ich kann dem Weg nicht ausweichen, aber ich kann entscheiden, mit wem ich ihn so verzaubert wie möglich gehe.
