Es gibt Spezies, die zwischenmenschliche Probleme schneller lösen als wir. Die Schwarze Witwe zum Beispiel. Kaum ist der Geschlechtsakt vorbei und das Männchen verfällt in seine evolutionäre Starre – schweigen, starren, existieren –, wird es gefressen. Effizienz kann man ihr dabei schwer absprechen. Keine Beziehungsgespräche. Keine Missverständnisse. Keine Gefahr, dass er drei Tage später dehydriert aus der Ecke kriecht und krächzt: „War was?”
Aus Sicht der Schwarzen Witwe ist die Sache vermutlich eindeutig. Minutenlang sendet das Männchen Signale, Vibrationen und Liebesbekundungen durchs Netz. Dann ist der Akt vollzogen und plötzlich herrscht Funkstille. Für das Weibchen ist das der biologische Tatbestand des Ghostings. Während ein Mensch in dieser Situation vielleicht einer Freundin eine Sprachnachricht von acht Minuten Länge schickt, entscheidet die Spinne: „Wer nicht mehr redet, ist Biomasse.” Man kann ihr Grausamkeit vorwerfen. Aber sie verschwendet wenigstens keine Proteine.
Vielleicht besteht der wahre Unterschied zwischen Mensch und Spinne ohnehin nur darin, dass wir gelernt haben, unsere Impulse zu verwalten. Der Mensch frisst seinen schweigenden Partner nicht. Er eröffnet stattdessen einen vierstündigen Streit über emotionale Verfügbarkeit, macht ein TikTok-Video darüber oder entwickelt eine komplette Persönlichkeit rund um die Tatsache, dass jemand nach dem Sex müde war. Die Schwarze Witwe dagegen fällt ein Urteil, rechtskräftig, ohne Revision.
Bild erstellt mit ChatGPT
