Das Jahr hat eine neue Zahl. Für Menschen, die zählen können, ist das eine unbeirrbare Logik – wie der Verschleiß, der uns weiter abnutzt, obwohl wir längst stehen geblieben sind. Die Realität wird auf eine fortlaufende Ziffer reduziert, damit sie handhabbar wirkt. Altlasten wandeln sich unbemerkt in Neulasten.

Die Zahl springt, und für einen Moment tun wir so, als hätte uns die Zeit von unserem Alltag erlöst. Als hätte sie Fehler korrigiert, Altlasten entsorgt, uns neu sortiert. Hat sie nicht. Was letztes Jahr nicht funktioniert hat, wird dieses Jahr erst recht nicht funktionieren. Aber wenn wir Dinge umbenennen, tragen sie sich leichter – bis ins nächste Jahr, im Hamsterrad der Rituale.

Dabei war doch letztes Jahr angeblich schon alles gut – so pflegen wir es zumindest zu sagen. Und wenn doch bereits alles gut ist, warum wünschen wir uns dann überhaupt noch ein „gutes neues Jahr“? Ein seltsamer Reflex: widersprüchlich, aber vielleicht gehört genau das zum Ritual. Das wiederum ähnelt dem Konzept Horoskop. Hoffnung auslagern — an Zahlen, an Sterne, ans Universum, an Gott, der wenigstens so tut, als hätte er einen Plan.

Am grausamsten sind jedoch die pauschalen Wünsche. Sie werden verteilt wie Pflichtimpfungen, manchmal sogar mit Umarmung, damit es menschlicher wirkt. Ein kurzer Kontakt, maximale Bedeutungslosigkeit. Morgen erinnert sich niemand mehr daran. Der Alltag kehrt zurück, nüchtern, effizient, ungerührt. Zurück bleiben Glücksfloskeln für eine Zukunft, die längst vorbei ist.

Also gut. Die Gesellschaft verlangt es. Das Ritual verlangt es. Und ich füge mich, denn Rituale sind wichtig:
Ich wünsche Ihnen, meine lieben Leser, ein neues, besseres Jahr — denn wenn es nur gut bliebe, hätte sich ja nichts geändert. Ein Gedanke, der nur in der Selbsttäuschung von Optimisten funktioniert. Die Realität lässt sich von Floskeln aber nicht beeindrucken, sie läuft im Hintergrund weiter.

Alles gut!


Illustration: KI-generiert (GPT-5), 2026

Zu guter Letzt

Das Betreiben meiner Internetseite kostet Geld, vor allem aber Zeit. Von dem einen habe ich weniger als vom anderen.*
Trotz dieser Mängel arbeite ich hart an meinen Texten, auch wenn der ein oder andere zuweilen nicht gelingen mag. Sollten Sie also an redigierten Texten oder gar faktenbasierten Inhalten interessiert sein, besuchen Sie eine der vielen Online-Tageszeitungen – die bieten in dieser Hinsicht deutlich mehr.

Doch für meine Unzulänglichkeiten können die Buchstaben nichts. Und auch wenn sie bei der Gestaltung meines Inhalts kein Mitspracherecht haben - sie arbeiten schließlich für mich! - möchte ich Ihnen ein guter Chef sein. Denn die armen Buchstaben machen wortlos, was ich ihnen auftrage, ja sie stehen zu mir. Sie schuften hart, bekommen keinen Lohn, sind nicht einmal krankenversichert.
Diese Ungerechtigkeit bereitet mir ein schlechtes Gewissen, es tut mir in der Seele weh. Wirklich! Doch ich brauche sie, bin regelrecht auf sie angewiesen.

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Anmerkung der Redaktion (mir): Was immer Sie auch von meinen Texten halten, ich kann Ihnen versichern, ich versuche stets so viel Inhalt wie nur möglich reinzupacken und das möglichst verständlich.
Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!

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