Eine Lesebrille ist für mich nun nicht mehr nur ein Gegenstand. Es ist ein Eingeständnis, ein bitteres. Ich werde alt. Nicht, dass ich mich beschweren will, so alt bin ich nun auch nicht. Aber alt genug, um zu sehen, wohin die Reise gehen wird. Und ich stehe erst am Anfang. All die Wehwehchen, die jetzt nur zwicken, werden garantiert nicht besser.
Wir leben in einer Zeit, in der Meinungen nicht mehr ausgetauscht, sondern ausgeräumt werden. Wer nicht exakt meiner Ansicht ist, gilt nicht als Gesprächspartner, sondern als Feind, der auch nicht davor zurückschreckt, arme Dörfer wie die Ukraine zu überfallen. Früher sagte man: „Ich sehe das anders.“ Heute heißt es: „Blockiert. Gemeldet. Gelöscht.“ Die neue Meinungsfreiheit besteht darin, die Meinung der anderen zu hassen.
Das Jahr hat eine neue Zahl. Für Menschen, die zählen können, ist das eine unbeirrbare Logik – wie der Verschleiß, der uns weiter abnutzt, obwohl wir längst stehen geblieben sind. Die Realität wird auf eine fortlaufende Ziffer reduziert, damit sie handhabbar wirkt. Altlasten wandeln sich unbemerkt in Neulasten.
Deutschland kann alles – vor allem Moral auf zwei Empörungsskalen gleichzeitig betreiben.
Ein Politiker sagt „Alles für Deutschland“. Historisch vergiftet, sagt man nicht. Ergebnis: Skandal, Anzeigen, Distanzierungen, Feuilleton-Notfallsitzung.
Person X nennt Impfgegner den „Blinddarm der Gesellschaft“. Historisch mehr als vergiftet. Aber X legt nach: Wer eine gewisse Partei wählt, handle gegen „deutsche Interessen“ – und hasse seine eigenen Kinder. Ergebnis: Applaus, Preise, Anerkennung.
Bei jedem Softwareupdate, bei jeder Anmeldung im Netz dieselbe Farce: Akzeptieren Sie die AGB. Welch Triumph der Freiheit! Ich darf zustimmen – oder draußen bleiben. Ein Wahlrecht wie in der DDR – formal da, praktisch bedeutungslos.
Fett und träge sind wir geworden. Nicht nur körperlich, geistig. Wir lebten zu lange, zu gut von den Früchten, die unsere Eltern und Großeltern unter großen Entbehrungen gepflanzt haben. Viele von ihnen haben im Kampf um bessere Arbeitsrechte gelitten.
Sie demonstrierten, sie streikten.
Sie forderten kürzere Arbeitszeiten, sichere Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung und politische Teilhabe – oft auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Freiheit und ihres Leben. Ihre Kämpfe führten zur Gründung von Gewerkschaften, zu Arbeitszeitgesetzen und einem System sozialer Sicherheit.
