„Meldemoral weit unter Erwartung“ – jetzt kommt HinweisBack
Berlin (NONrelevant) – Das Bundesministerium für nachbarschaftliche Achtsamkeit hat die aktuellen Zahlen zur Bürgerhinweis-Quote vorgelegt – sie sind alarmierend: Zu wenige Bürger melden Bürger – eine Entwicklung, die das Ministerium als „ernsthaft besorgniserregend“ einstuft. Die Bevölkerung erfülle ihre „Mitverantwortung“ bislang nur „zurückhaltend“. Offenbar brauche ein Teil der Bevölkerung noch mehr konkrete Anlässe, bevor man einander misstraut. „Hier muss die Spaltung konsequenter umgesetzt werden“, heißt es aus dem zuständigen Referat. „Wir nennen das übrigens nicht Bespitzelung“, betonte eine Sprecherin, „sondern solidarische Wachsamkeit. Und die muss sich endlich lohnen.“
Offenbar reden die Leute lieber miteinander, als sich zu bespitzeln. Noch. Um die Fehlentwicklung „Solidarität unter Bürgern“ zu korrigieren, plant das Ministerium ein Bonusprogramm namens HinweisBack – „ähnlich wie Payback, nur mit mehr Gemeinsinn“. Künftig soll bereits das Anzeigen eines bloßen Verdachts Punkte bringen: wer meldet, sammelt; wer nicht meldet, sammelt Verdacht. Als meldefähig gelten laut Entwurf auch „auffällige Alltagsabweichungen“ – etwa verdächtig freundliches Grüßen im Treppenhaus. Das Ministerium spricht von „demokratischer Hygiene“. Kritiker nennen es „Verrat mit Bonusprogramm.“ Ein interner Slogan lautet angeblich: „Sehen. Melden. Punkten.“
Und weil Verrat heute keine Überzeugung mehr braucht, sondern nur eine Prämie, lassen sich die Punkte laut Entwurf gegen „staatlich zertifizierte Wertschätzung“ eintauschen: eine laminierte Urkunde mit klatschenden Händen, so offiziell, dass sie beim nächsten Einzug automatisch wieder im Flur hängt. Für Vielmelder sind Statusstufen geplant – von „Bronze“ bis „Platin“ –, wobei „Platin“ weniger ein Rang als ein Lebensgefühl sein soll: das warme Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, während man die falsche Seite meldet. Kritiker warnen vor „Denunziation als Treueprogramm“.
Dass man bei der Einführung der ständig besetzten Hinweisstelle damals auf ein Belohnungssystem verzichtet habe, sei ein Fehler der Vorgängerregierung gewesen, heißt es aus dem Ministerium. „Man kann von Menschen nicht verlangen, dass sie aus Überzeugung handeln“, so die Sprecherin. „Überzeugungen sind privat, widersprüchlich und schwer zu standardisieren – deshalb liefern wir sie künftig mit.“ Die neuen Maßnahmen seien selbstverständlich „rein freiwillig“, betonte die Pressestelle des Ministeriums, und ergänzte: „Wer freiwillig nichts meldet, hat bestimmt seine Gründe. Wir helfen dann halt bei der Einordnung.“
Die gute Nachricht: Freiheit muss in Deutschland nicht abgeschafft werden – sie wird ganz stabil gegen Bonuspunkte eingetauscht, die vor allem Großkonzernen nützen: nach oben freundlich schleimen, nach unten aufmerksam treten, und in der Mitte eine Kundenkarte – und wer nichts zu verbergen hat, hat wenigstens etwas zu melden.
Illustration: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)

