+++

+++
Presse doch frei - sehr sogar

Presse doch frei - sehr sogar

Studie: Pressefreiheit auf Rekordhoch — Bürger als letztes Hindernis identifiziert

BERLIN (NONrelevant) — Eine umfassende Auswertung der vergangenen Jahre, die aus Effizienzgründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt wurde, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Die deutsche Presse ist so frei wie nie. Vor allem frei von der lästigen Pflicht, die Folgen politischer Entscheidungen überhaupt noch zu prüfen.

Statt Mächtige zu kontrollieren, hätten Redaktionen verstärkt das eigentliche Problem im Land in den Blick genommen — den Bürger. Dieser heize falsch, esse falsch, fahre falsch, zweifle falsch, informiere sich falsch und wähle falsch. Die zunehmend präzise Kontrolle seines Denkens, Sprechens, Verhaltens und Wählens sei daher nicht nur verhältnismäßig, sondern überfällig. Der Anteil meinungstechnisch noch nicht standardisierter Bürger liege laut Hochrechnung bei rund 25 Prozent — „verwaltungsseitig unbefriedigend, aber nach unten korrigierbar“, so die Studie.

„Der Souverän ist das Risiko“, erklärte ein Sprecher des Amtes für Meinungsbereinigung. „Und Risiken werden nicht diskutiert, sondern minimiert.“ Frühere Praktiken, bei denen politische Verantwortungsträger bei Rechtsverstößen zurücktreten mussten, gelten der Studie zufolge als „historische Fehlentwicklung“. Rücktritt sei heute eine reine Bürgerpflicht — eine Maßnahme zur Stabilisierung des Gesamtsystems. Wer eine andere Meinung habe, dürfe diese selbstverständlich behalten — sofern sie nicht ausgesprochen oder idealerweise gar nicht erst gedacht werde. Für Letzteres halte das Amt bei Bedarf geeignete Unterstützungsmaßnahmen bereit.

Verschwörungstheoretiker, die weiterhin behaupten, die Presse sei nicht frei, verbreiteten laut Befund selbst Desinformation. Sie seien hiermit aufgefordert, dies künftig zu unterlassen. Sollte dies nicht gelingen, stehe ihnen der freiwillige Rücktritt aus der Debatte, der Öffentlichkeit oder Deutschland jederzeit offen. Bei anhaltender Widerstandsneigung werde geprüft, ob die betreffende Meinung durch eine besser geeignete ersetzt werden könne.

Besonders gewürdigt wurde die mediale Effizienz, mit der aus Verlautbarung Wahrheit und aus Nachsprechen Journalismus werde. PR müsse heute nicht mehr wie PR aussehen, solange sie als Journalismus auftreten dürfe. Das spare Recherchekosten, Personal und unnötige Reibungsverluste mit der Realität.

Wo früher gestritten wurde, werde heute eingeordnet. Wo früher recherchiert wurde, werde heute markiert. Wo früher Zweifel als journalistischer Rohstoff galten, gälten sie heute als moralischer Defekt. Der Reporter sei nicht mehr Beobachter, sondern Erzieher — nicht mehr Störer der Macht, sondern deren externe Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, ausgestattet mit gültigem Pressefreiheitsausweis.

Die Bürger würden in diesem Zusammenhang einer regelmäßigen Risikoklassifizierung unterzogen. Die einschlägigen Kategorien — Umweltbelastung, Konsumfehlverhalten, Informationsrisiko, demokratische Gefährdung, allgemeine Betriebsstörung — seien dem geltenden Standardraster zu entnehmen. Damit erfülle die Presse ihren Auftrag so präzise wie ein Formular, das sich selbst ausfüllt.

Kritiker dieser Entwicklung behaupten noch immer, die Presse mache ihren Job nicht mehr. Das sei nachweislich falsch, so der Faktenfinder NONrelevant. Sie mache ihn sogar ausgezeichnet. Nur habe sich ihre Zuständigkeit geändert: Sie schütze nicht mehr die Bürger vor den Folgen der Politik, sondern die Macht der Politik vor den Bürgern.

Mit großer Erleichterung können wir Ihnen das Fazit der Studie mitteilen: Die Presse ist frei. Sehr sogar.
Frei von Zweifeln.
Frei von Alternativen.
Frei von allem, was nicht in die Pressemitteilung passt.
Frei von Bürgern, die noch nicht verstanden haben, dass sie das Problem sind.
Nur eben nicht nach oben.


Bild erstellt mit ChatGPT

Darf‘s a bisserl mehr sein?

Ausgabe 46/2017

Ausgabe 46/2017

Ausgabe 45/2017

Ausgabe 45/2017

Wir benutzen Cookies
Wir verwenden auf NONrelevant ein paar Cookies, um Ihr Nutzerverhalten besser verstehen zu können. Das machen wir selbstverständlich nur, damit wir unser Angebot für Sie laufend optimieren können.

Sollten Sie uns aber unter keinen Umständen helfen wollen, unser Angebot ausschließlich für SIE zu verbessern, dann können Sie die Tracking-Cookies gerne ablehnen.

Mehr Informationen über das Sammeln Ihrer Daten, finden Sie in der Datenschutzerklärung.